Samstag, 9. Februar 2008

Deutschland - Deine NS-Vergleiche

Wieder einmal ist es soweit: Keine emotionale Debatte in Deutschland, ohne dass wieder jemand direkte Vergleiche zum Nationalsozialismus zieht.

"Gestern Juden, heute Moslems" war auf Transparenten zu lesen, die aufgebrachte Deutschtürken in Ludwigshafen in die Kameras hielten. Und mancher, der sich darüber ganz fürchterlich aufregen kann, hatte nichts daran auszusetzen, als Frank Schirrmacher erst vor wenigen Wochen angesichts des Überfalls zweier Jugendlicher auf einen deutschen Rentner in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung textete: "Zur Klarheit, die vom Staat gefordert ist, gehört auch, dass man ausspricht, dass die Mischung aus Jugendkriminalität und muslimischem Fundamentalismus potentiell das ist, was heute den tödlichen Ideologien des zwanzigsten Jahrhunderts am nächsten kommt."

Natürlich wußte Schirrmacher, dass einer der Jugendlichen Grieche und einer Türke war. Womöglich auch, dass das Angreifen älterer Menschen nun wirklich keine islamische Lehre ist. Dass Russlanddeutsche und Deutsche in ähnlicher sozialer Lage nicht seltener zur Gewalt neigen und jedes Jahr Dutzende Menschen von Deutschnationalen angegriffen werden. Und immerhin widersprach ihm zum Beispiel die Süddeutsche hier.

Ebenso wußte wohl der deutsch-türkische Plakateschreiber, dass nur eine sehr kleine Minderheit der Deutschen die Islamophobie auf das Niveau des Antisemitismus heben will. Dass jede Demokratie entwicklungsfähig ist - aber unser heutiger Rechtsstaat erfreulicherweise meilenweit von den Endzeiten der Weimarer Republik entfernt ist. Und immerhin widersprach ihm der türkische Regierungschef Tayyip Erdogan (AKP), unter anderem, in dem er den Einsatz der deutschen Polizei und Feuerwehr lobte.

Deutsche Zivilreligion

Vielleicht haben Sie sich auch schon gefragt, warum eigentlich auch gebildete Deutsche immer wieder in die NS-Vergleiche verfallen. Eine Schlüsselantwort darauf bietet der Begriff der Zivilreligion: Darunter versteht man Erzählungen, Rituale und Jahrestage, die von den politischen Körperschaften (z. B. Staaten, Kommunen, Parteien) gepflegt werden und auf die in politischen Reden, Akten und Symbolen Bezug genommen wird.

Eigentlich haben Zivilreligionen eine integrierende Aufgabe, sie schaffen aus der Vielfalt der Staats- bzw. Stadtbürger eine gemeinsame, politische Identität. Man denke z.B. an die USA, wo auch Einwanderer noch kurzer Zeit "proud to be American" sein, eine Flagge in den Garten stellen und den Unabhängigkeitstag feiern können - ohne dabei aufzuhören, American-Italian, Native American, Christ, Muslim, Jude oder Atheist zu sein.

Die deutsche Zivilreligion ist dagegen aufgrund des Missbrauchs der Nationalgeschichte durch die Nationalsozialisten und die folgende Niederlage bis heute sehr unterentwickelt. Die Bundesrepublik hat beispielsweise nicht einmal ein staatliches Begräbnisritual - was z.B. beim Tod des SPIEGEL-Gründers Augstein zu der peinlichen Notwendigkeit führte, ihn - der doch die Kirche bewusst verlassen hatte - dann doch wieder in einem (staats-)kirchlichen Trauerakt zu ehren.

Auch hat es in Deutschland für Verwirrung gesorgt, dass Muslime ausgerechnet am "Tag der deutschen Einheit" auch den "Tag der offenen Moschee" begehen. In wohl jedem anderen Einwanderungsland wäre eine solche Geste der Minderheiten begrüßt worden. Aber die Idee, dass auch z.B. Kirchen sich aktiv zur Einheit Deutschlands bekennen und Christen wie Nichtchristen zu sich einladen könnten, wirkt auf viele Deutsche noch immer ungewohnt und befremdlich, fast beängstigend. Es wird noch kaum verstanden, dass immer mehr Muslime, Juden, Anders- und Nichtglaubende auch in einem selbstverständlichen Sinne deutsch sind und sein wollen.

Denn ein zentraler Bezugspunkt für die deutsche Zivilreligion (von ganz links bis ganz rechts) bleibt das NS-Regime und die Verbrechen der Shoah. Viele der größten Gesten, bedeutenden Gedenktage, Mahnmale und auch Politikerrücktritte aufgrund von Tabubrüchen kreisen darum. Rechte kleiden auch heute noch ihre Wohnungen in Symbolik aus dem letzten Jahrhundert und Linke versuchen sich auch noch über 60 Jahre nach dem Ende des NS-Regimes im "Antifaschismus" - wobei jeder politisch Andersdenkende schnell zum "Faschisten" gestempelt wird. Auch in politischen Diskussionen unter Demokraten (beispielsweise um die Bundeswehreinsätze auf dem Balkan) werden die entsprechenden Vergleiche meist von beiden Seiten verwendet: Auschwitz muss dann dafür herhalten, um gegen jeden Krieg zu sein und ebenso dafür, um notfalls mit Gewalt Völkermord zu verhindern.

Derzeit: Ausgrenzen

Was wir derzeit erleben, ist aber auch noch eine abwertende und damit letztlich ausgrenzende Verwendung dieses zivilreligiösen Vokabulars. Ob Schirrmacher oder besagter Deutschtürke: "Die anderen" sollen jeweils die Nazis sein, man selbst möchte gerne in die Opferrolle schlüpfen. Der Bezug auf die Vergangenheit dient hier nicht mehr einer gemeinsamen Verantwortung, sondern der Dämonisierung des je anderen.

Wohin?

Die gute Nachricht ist: Die Abscheu gegen die inflationäre Verwendung von NS-Vergleichen scheint zu steigen. Sowohl Schirrmacher wie auch die Ludwigshafener Vorwürfe sind insgesamt auf scharfe Kritik gestoßen. Es scheint, als sei der Dreiklang aus dem Mißbrauch der NS-Geschichte für zweitklassige Argumentationen, die historische Maßlosigkeit wie auch der Überdruss am immer gleichen Bezugspunkt deutscher Diskussionen am Wachsen.

Doch damit ist die Hauptaufgabe noch gar nicht angepackt: Wird es der deutschen Gesellschaft gelingen, eine gemeinsame und integrierende, positive und doch ehrliche Überlieferung von sich selbst zu schaffen? Gemeinsame Rituale, Feiertage, Symbole zu finden, die Deutsche verschiedener Herkunft und verschiedenen Glaubens sowohl in Alltags- wie auch in Krisenerfahrungen zu verbinden vermögen? Für die Zukunft unseres Landes dürfte das alles andere als eine zweitrangige Frage sein...

Dr. Blume

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