David Sloan Wilson: Darwin's Cathedral: Evolution, Religion, and the Nature of Society
Es gibt selten Bücher, die einen gleichzeitig begeistern und andererseits sehr traurig machen können. David Sloan Wilsons Darwins Cathedral aber tut genau das.
Der Autor David Sloan Wilson gehört zu den unter Fachkollegen anerkanntesten Evolutionsbiologen unserer Zeit und war so mutig, gegen den allgemeinen Trend bis heute die von Charles Darwin vorformulierten Hypothesen der Gruppenselektion wieder in die Wissenschaft einzuführen. Im Rahmen dieses Ansatzes, der sich zunehmend zu einer Multi-Level-Theorie zu differenzieren beginnt, erforscht seit einigen Jahren schwerpunktmäßig die Evolution der Religion. Er ist Begründer des interdisziplinären und internationalen Forschernetzwerks Evolutionary Religious Studies.
In Darwins Cathedral greift der Naturwissenschaftler Wilson (erste Überraschung!) außerordentlich kenntnisreich auf die Forschungen einflußreicher Religionswissenschaftler, v.a. Emile Durkheims, zurück. Er testet dessen Thesen einer "sozialen Realität" der Religion(en) sowie ökonomische Modelle des Rational Choice und überträgt sie in biologische Modelle. Die so entstandenen Annahmen testet er (zweite Überraschung) an empirischem Material wie den Lehrsammlungen der frühen Calvinisten und einer Zufallsstichprobe des Religionenlexikons von Mircea Eliade.
Die Rational Choice-Modelle fliegen glatt durch; aber Durkheims Thesen erlangen, vertieft um biologische Erkenntnisse, Flügel. Wenn Wilson z.B. die Askesepraktiken des Jainismus oder den Aufstieg des Christentums gegenüber den spätantiken Polytheismen schildert, eröffnet er einen neuen, faszinierenden Blick auf den Zusammenhang von Religion und Evolution, der viele Wissenschaftler inspiriert hat.
Das Traurige...
Aber damit sind wir auch bei der traurigen Seite des Buches: seiner geringen Verbreitung. Wie Richard Dawkins ist auch Wilson Atheist - nur verwechselt er nicht Meinung und Wissenschaft. Wo Dawkins Polemiken produziert, schafft Wilson differenzierte Beschreibungen. Wo Dawkins Anekdoten präsentiert, setzt Wilson auf seriöse Daten. Und wo Dawkins gezielt verkürzt und vereinfacht, prägt Wilson neue Begriffe und Perspektiven. Darwins Cathedral ist aus (religions-)wissenschaftlicher Sicht um Längen besser als es "Der Gotteswahn" je war.
Nur: Offenbar will die Leserschaft, besonders in Deutschland, das gar nicht. Wilsons Buch wurde zwar in Fachkreisen anerkannt, aber nie übersetzt und wird wohl bald gar nicht mehr erhältlich sein. Der deutsche, pseudo-aufgeklärte Buchmarkt kauft lieber Dawkins a la Dieter Bohlen: laut muss es sein, schrill, polemisch und ja nicht zu schwer. Warum auch Fakten, wenn es auch Anekdoten sein können und warum empirische Wissenschaft, wenn sich zum gleichen Preis auch Schmäh genießen läßt?
Deswegen sei jeder Leser von Darwins Cathedral gewarnt: Wer diese hervorragende und anregende Qualität genossen hat und sich dann den Standard deutscher Diskussionen zur Evolution der Religion auch in den Wissenschaften betrachtet - dem wird traurig zumute sein...
Der Autor David Sloan Wilson gehört zu den unter Fachkollegen anerkanntesten Evolutionsbiologen unserer Zeit und war so mutig, gegen den allgemeinen Trend bis heute die von Charles Darwin vorformulierten Hypothesen der Gruppenselektion wieder in die Wissenschaft einzuführen. Im Rahmen dieses Ansatzes, der sich zunehmend zu einer Multi-Level-Theorie zu differenzieren beginnt, erforscht seit einigen Jahren schwerpunktmäßig die Evolution der Religion. Er ist Begründer des interdisziplinären und internationalen Forschernetzwerks Evolutionary Religious Studies.
In Darwins Cathedral greift der Naturwissenschaftler Wilson (erste Überraschung!) außerordentlich kenntnisreich auf die Forschungen einflußreicher Religionswissenschaftler, v.a. Emile Durkheims, zurück. Er testet dessen Thesen einer "sozialen Realität" der Religion(en) sowie ökonomische Modelle des Rational Choice und überträgt sie in biologische Modelle. Die so entstandenen Annahmen testet er (zweite Überraschung) an empirischem Material wie den Lehrsammlungen der frühen Calvinisten und einer Zufallsstichprobe des Religionenlexikons von Mircea Eliade.
Die Rational Choice-Modelle fliegen glatt durch; aber Durkheims Thesen erlangen, vertieft um biologische Erkenntnisse, Flügel. Wenn Wilson z.B. die Askesepraktiken des Jainismus oder den Aufstieg des Christentums gegenüber den spätantiken Polytheismen schildert, eröffnet er einen neuen, faszinierenden Blick auf den Zusammenhang von Religion und Evolution, der viele Wissenschaftler inspiriert hat.
Das Traurige...
Aber damit sind wir auch bei der traurigen Seite des Buches: seiner geringen Verbreitung. Wie Richard Dawkins ist auch Wilson Atheist - nur verwechselt er nicht Meinung und Wissenschaft. Wo Dawkins Polemiken produziert, schafft Wilson differenzierte Beschreibungen. Wo Dawkins Anekdoten präsentiert, setzt Wilson auf seriöse Daten. Und wo Dawkins gezielt verkürzt und vereinfacht, prägt Wilson neue Begriffe und Perspektiven. Darwins Cathedral ist aus (religions-)wissenschaftlicher Sicht um Längen besser als es "Der Gotteswahn" je war.
Nur: Offenbar will die Leserschaft, besonders in Deutschland, das gar nicht. Wilsons Buch wurde zwar in Fachkreisen anerkannt, aber nie übersetzt und wird wohl bald gar nicht mehr erhältlich sein. Der deutsche, pseudo-aufgeklärte Buchmarkt kauft lieber Dawkins a la Dieter Bohlen: laut muss es sein, schrill, polemisch und ja nicht zu schwer. Warum auch Fakten, wenn es auch Anekdoten sein können und warum empirische Wissenschaft, wenn sich zum gleichen Preis auch Schmäh genießen läßt?
Deswegen sei jeder Leser von Darwins Cathedral gewarnt: Wer diese hervorragende und anregende Qualität genossen hat und sich dann den Standard deutscher Diskussionen zur Evolution der Religion auch in den Wissenschaften betrachtet - dem wird traurig zumute sein...
blume-religionswissenschaft - 4. Feb, 06:32
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