Die weltweite Gewalt geht zurück - Die Menschheit wird friedlich
Durch die modernen Medien erreichen uns die Nachrichten und Bilder von Kriegen, Morden etc. Abend für Abend direkt nach Hause. Weit verbreitet ist daher die Wahrnehmung, der Mensch treibe es "immer schlimmer", die Menschheit "versinke in Gewalt".
Nur: rein empirisch gesehen ist das Gegenteil der Fall. So ist die Gewalt- und Mordrate heute selbst in der Bronx deutlich niedriger als unter Wildbeutervölkern (Wildbeuter ist die zunehmend gängigere Bezeichnung für Jäger und Sammler). Und immer größere Regionen der Welt haben es geschafft, die Geißeln regelmäßiger Kriege abzuschütteln.
Aus einem aktuellen Artikel der Presse ("Das Verschwinden der Gewalt, 01.02.2008):
"Der Kriminologe Manuel Eisner (Cambridge) hat es erhoben: In Europa fanden im 15. Jahrhundert 41 von 100.000 Menschen im Jahr einen Tod durch Menschenhand, dann sank die Rate von Jahrhundert zu Jahrhundert (19, 11, 3,2, 2,6), im 20. Jahrhundert lag sie bei 1,4 (Br. J. Criminol., 41, S.618).
Auch die Gewalt zwischen Gruppen ging dramatisch zurück: Wenn Stämme von Naturvölkern aneinandergerieten, kämpfte ein höherer Anteil an Mitgliedern, ein höherer Anteil starb, und von der unterlegenen Gruppe blieb keiner am Leben. Das war auch später so, blättern Sie einmal im Alten Testament, wie es nach der Eroberung einer Stadt zuging! Aber das 20.Jahrhundert war doch das blutigste? Mitnichten, wenn man mit Pinker auf die relativen Zahlen sieht: „Hätten die Kriege des 20.Jahrhunderts den gleichen Anteil der Bevölkerung getötet, wie das in Kriegen zwischen Stämmen üblich war, hätten sie nicht 100 Millionen Tote gefordert, sondern zwei Milliarden.“"
Dem ist nichts hinzuzufügen. Allerdings fehlt den entsprechenden Forschern noch eine schlüssige Erklärung.
"So sind wir doch zivilisiert geworden, im Sinne des Soziologen Norbert Elias – er sah Zivilisation der Verfeinerung der Einfühlung in andere unter gleichzeitiger Verstärkung der eigenen Triebkontrolle –, Pinker verweist auf ihn. Aber warum sind wir es geworden? Die Evolutionstheorie hilft hier nicht weiter, die Veränderung kam viel zu rasch, als dass „Friedensgene“ sich hätten durchsetzen können. Also warum? „Irgendetwas müssen wir richtig gemacht haben. Es wäre fein, genau zu wissen, was.“"
Antwort: Die Demografie
Dabei zeichnet sich die Antwort, aus anderen Disziplinen kommend, bereits ab: die Bevölkerungsentwicklung des Menschen.
Wo Populationen wachsen, ohne dass die Ressourcen den "überzähligen Söhnen" Aufstieg und Ehe ermöglichen, werden kriegerische Konflikte fast unausweichlich. Auch die Frequenz und Orte heutiger Gewaltkonflikte lassen sich durch die Einbeziehung demografischer Faktoren erstaunlich gut erklären - und sogar prognostizieren.
Absolut lesenswert dazu: "Warum Kriege entstehen", von Steffen Kröhnert vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung:

Die Religionsgemeinschaften wirken damit durchaus ambivalent zur Gewalt. Einerseits sind gewachsene Religionen an Fortbestand und Entwicklung ihrer Anhängerschaft interessiert und tendieren also zu Lehren der Friedfertigkeit nach innen und zunehmend auch außen. Andererseits aber fördern gewachsene Religionen auch den Kinderreichtum ihrer Anhänger - und verschärfen damit vor allem in Agrargesellschaften die Bevölkerungsexplosion und dienen dann auch noch zur Rechtfertigung von Kriegszügen gegen Andersglaubende.
Frieden ist also möglich - Bildung und Dialog, faire Welthandelsregeln, Freiheitsrechte und erfolgreiche Migrations- und Integrationspolitiken (die Bevölkerungsentwicklungen ausgleichend mildern und Kapital in Agrarregionen bringen) erweisen sich als tragende Aspekte gelingender Friedenspolitik. Religionen können wertvolle Beiträge dazu leisten; soweit sie auch den Mut finden, eigene Fehler und Verstrickungen in Vergangenheit und Gegenwart zu erkennen und aufzuarbeiten.
PS: Danke für den Link & Themenhinweis an Ingo Bading vom Studium Generale.
Nur: rein empirisch gesehen ist das Gegenteil der Fall. So ist die Gewalt- und Mordrate heute selbst in der Bronx deutlich niedriger als unter Wildbeutervölkern (Wildbeuter ist die zunehmend gängigere Bezeichnung für Jäger und Sammler). Und immer größere Regionen der Welt haben es geschafft, die Geißeln regelmäßiger Kriege abzuschütteln.
Aus einem aktuellen Artikel der Presse ("Das Verschwinden der Gewalt, 01.02.2008):
"Der Kriminologe Manuel Eisner (Cambridge) hat es erhoben: In Europa fanden im 15. Jahrhundert 41 von 100.000 Menschen im Jahr einen Tod durch Menschenhand, dann sank die Rate von Jahrhundert zu Jahrhundert (19, 11, 3,2, 2,6), im 20. Jahrhundert lag sie bei 1,4 (Br. J. Criminol., 41, S.618).
Auch die Gewalt zwischen Gruppen ging dramatisch zurück: Wenn Stämme von Naturvölkern aneinandergerieten, kämpfte ein höherer Anteil an Mitgliedern, ein höherer Anteil starb, und von der unterlegenen Gruppe blieb keiner am Leben. Das war auch später so, blättern Sie einmal im Alten Testament, wie es nach der Eroberung einer Stadt zuging! Aber das 20.Jahrhundert war doch das blutigste? Mitnichten, wenn man mit Pinker auf die relativen Zahlen sieht: „Hätten die Kriege des 20.Jahrhunderts den gleichen Anteil der Bevölkerung getötet, wie das in Kriegen zwischen Stämmen üblich war, hätten sie nicht 100 Millionen Tote gefordert, sondern zwei Milliarden.“"
Dem ist nichts hinzuzufügen. Allerdings fehlt den entsprechenden Forschern noch eine schlüssige Erklärung.
"So sind wir doch zivilisiert geworden, im Sinne des Soziologen Norbert Elias – er sah Zivilisation der Verfeinerung der Einfühlung in andere unter gleichzeitiger Verstärkung der eigenen Triebkontrolle –, Pinker verweist auf ihn. Aber warum sind wir es geworden? Die Evolutionstheorie hilft hier nicht weiter, die Veränderung kam viel zu rasch, als dass „Friedensgene“ sich hätten durchsetzen können. Also warum? „Irgendetwas müssen wir richtig gemacht haben. Es wäre fein, genau zu wissen, was.“"
Antwort: Die Demografie
Dabei zeichnet sich die Antwort, aus anderen Disziplinen kommend, bereits ab: die Bevölkerungsentwicklung des Menschen.
Wo Populationen wachsen, ohne dass die Ressourcen den "überzähligen Söhnen" Aufstieg und Ehe ermöglichen, werden kriegerische Konflikte fast unausweichlich. Auch die Frequenz und Orte heutiger Gewaltkonflikte lassen sich durch die Einbeziehung demografischer Faktoren erstaunlich gut erklären - und sogar prognostizieren.
Absolut lesenswert dazu: "Warum Kriege entstehen", von Steffen Kröhnert vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung:

Die Religionsgemeinschaften wirken damit durchaus ambivalent zur Gewalt. Einerseits sind gewachsene Religionen an Fortbestand und Entwicklung ihrer Anhängerschaft interessiert und tendieren also zu Lehren der Friedfertigkeit nach innen und zunehmend auch außen. Andererseits aber fördern gewachsene Religionen auch den Kinderreichtum ihrer Anhänger - und verschärfen damit vor allem in Agrargesellschaften die Bevölkerungsexplosion und dienen dann auch noch zur Rechtfertigung von Kriegszügen gegen Andersglaubende.
Frieden ist also möglich - Bildung und Dialog, faire Welthandelsregeln, Freiheitsrechte und erfolgreiche Migrations- und Integrationspolitiken (die Bevölkerungsentwicklungen ausgleichend mildern und Kapital in Agrarregionen bringen) erweisen sich als tragende Aspekte gelingender Friedenspolitik. Religionen können wertvolle Beiträge dazu leisten; soweit sie auch den Mut finden, eigene Fehler und Verstrickungen in Vergangenheit und Gegenwart zu erkennen und aufzuarbeiten.
PS: Danke für den Link & Themenhinweis an Ingo Bading vom Studium Generale.
blume-religionswissenschaft - 2. Feb, 15:12
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