Mittwoch, 30. Januar 2008

Religion - eine Virusinfektion?

(Mit Dank an Edgar Dahl für eine lange und anstrengende, aber m.E. auch ergiebige Diskussion hier.)

Zu den Mediencoups von Richard Dawkins gehört die Bezeichnung von religiösen Überzeugungen als "Viren", die von den "erkrankten" Menschen Besitz ergriffen, besonders gerne und leicht von Eltern zu Kindern.

Insofern man die Virus-Bezeichnung nicht als Ausdruck polemischer Verachtung, sondern als wissenschaftliche Hypothese wertet, ergibt sich freilich ein Widerspruch: Krankheiten schädigen den befallenen Organismus und hindern ihn an erfolgreicher Fortpflanzung - entsprechend müssten im Evolutionsprozess Religions-empfängliche Gehirne ausgesiebt worden sein.

Das Gegenteil ist aber in gleich doppelter Hinsicht der Fall: 1. In der Evolution sowohl des Homo Sapiens wie des Homo Neanderthalensis evolvierte die Religion innerhalb weniger tausend Generationen zu immer größerer Komplexiät und 2. auch heute pflanzen sich religiös vergemeinschaftete Menschen weit erfolgreicher fort als Konfessionslose - ihre Fitness wird also nicht beeinträchtigt, sondern gesteigert.

Eine allgemeinverständliche Einführung in den Zusammenhang von Glauben und evolutionsbiologischem Erfolg, mit Bildern und Tabellen. (Klick zum Download)

Vertikale Transmission -> Symbiose

Durch Zufall bin ich nun auf den Artikel "Parasite Ecology and the Evolution of Religion" des Paläoarchäologen Ben Cullen aus dem Jahre 1998 gestoßen, der die Virus-Metapher ernst genommen hat - und genau zu o.g. Annahmen fand. Cullen wies darauf hin, dass es durchaus Viren, Parasiten oder Bakterien gibt, die sich innerhalb einer Spezies "vertikal" - von Eltern zu Kindern - verbreiten. Dies gelinge jedoch nur dann, wenn damit auch ein symbiotischer Nutzen für die betroffenen Linien verbunden sei - diese sich also erfolgreicher ausbreiteten als ohne einander. Nur Religionen, die sich vorwiegend horizontal ausbreiteten (Cullen nennt als Beispiel Aum Shinrikyo), könnten es sich leisten, ihre Anhänger auszubeuten und zu schädigen.

Religionen, die vor allem durch Familien weiterlebten, würden also (auch im Wettbewerb miteinander) in Richtung reproduktiver Nutzen evolvieren.

Aus einer ganzen Reihe von Gründen halte ich die Viren-These weiterhin nicht für geeignet, um Religion(en) zu beschreiben. Aber vielleicht kann Cullens Artikel doch helfen, die Diskussionen zwischen Brights und (Anders-)Glaubenden zu versachlichen.

Dr. Blume

Religionswissenschaft aus Freude
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