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Donnerstag, 3. Januar 2008

Die UFO-Glaubensgemeinschaft der Raelianer

Sind UFO-Sichtungen und die aus ihnen abgeleiteten Deutungen empirisch fassbar oder eher als neureligiöse Bewegungen zu verstehen? Auch in Vorbereitung zu einer öffentlichen Disputation zum Thema UFO-Glauben am 11.Januar in Leipzig möchte ich Ihnen in lockerer Folge Aspekte aus UFO-Mythologien und -gemeinschaften vorstellen.

Die Raelianer...

...bilden, auch dank geschickter Medienarbeit, die heute wohl bekannteste UFO-Kultgemeinschaft mit weltweit zwischen 65.000 (Eigenangaben) und 30.000 (unabhängige Schätzungen) Anhängern. Die Gemeinschaft wurde 1974 von Claude Vorilhon (heute: Rael) gegründet, einem (zuvor mäßig erfolgreichen) französischen Rennfahrer und Popsänger, der von einer UFO-Landung und einem Offenbarungsgespräch mit einem Außerirdischen berichtete.

Die Raelianer vertreten einen strikten, wissenschaftlich legitimierten Atheismus. Die Götter ("Elohim") seien "in Wirklichkeit" Aliens gewesen, die unter anderem das Leben auf der Erde geschaffen und die Religionsstifter (u.a. Jesus, Buddha, Muhammad) mit entsprechenden Botschaften zur Vorbereitung der Menschheit gesandt hätten. So sei Jesus aus einer Vereinigung eines Außerirdischen mit Maria hervorgegangen, wie auch Vorilhon (der seiner jungen Mutter unehelich geboren wurde) eigentlich von "Yahwe" als biologischem Vater abstamme. Er sei der letzte der von den Elohim gesandten Propheten, der eine Botschaft zu ihrer Begrüßung errichten solle (für die Geld gesammelt wird).

Der Versuch, diese Botschaft in Israel oder im Libanon zu errichten, scheiterte (auch) daran, dass das Symbol der Raelianer aus einer Verbindung von Davidstern und Swastika (Hakenkreuz) bestand. Zeitweise änderten die Raelianer (auf Anraten der Elohim) daher das Symbol. Als aber auch dies den Widerstand der israelischen Regierung und des Oberrabbinates nicht beendete, ließ Rael wieder die alte Form verkünden (PM dazu hier). In europäischen und amerikanischen Kontexten wird aber derzeit noch weiterhin meist auf die Swastika verzichtet.

Das Symbol der Raelianer. Um zu einer Verständigung mit Israel zu gelangen und um europäische und amerikanische Kritik an der Verwendung der Swastika (Hakenkreuz) abzuwehren, wurde zeitweise und wird noch teilweise das Emblem ohne Swastika verwendet. Im Grundsatz aber gilt das alte Symbol seit 2007 als wieder hergestellt.

Einen missionarischen Clip, der das Selbstverständnis der Raelianer zum Ausdruck bringt, finden Sie im Folgenden:


Sichtbar wird hier die Umdeutung religiöser Überlieferungen und Symbole im Rahmen eines wissenschaftlichen Fortschrittsglaubens, der "Säkularisierung" transzendenter Akteure und Erfahrungen und einer Zukunftshoffnung. Gerade dieser Bezug machte es jedoch nötig, subsequente wissenschaftliche Erkenntnisse, die der Lehre widersprechen, auch zurück zu weisen - ein Schicksal fast aller UFO-Mythologien. Die Raelianer vertreten so beispielsweise einen atheistischen Kreationismus: es wird bestritten, dass sich komplexes und vor allem menschliches Leben allein aus Evolutionsprozessen entwickelt habe; vielmehr hätten die Elohim je die entsprechenden Arten "gepflanzt". Und auch die Elohim seien von einer anderen Spezies geschaffen worden - in einer Kette ohne erfassbaren Anfang. Auch die Kontinente seien (entlang der biblischen Genesisüberlieferung!) nicht in einem natürlichen Prozess, sondern durch Terraforming der Elohim geprägt worden.

Neben der klassischen UFO-Kontakterfahrung greift die Rael-Gemeinschaft auch weitere, etablierte UFO-Mythologien auf: so die Atombombe als entscheidendes Ereignis, das die Außerirdischen zu Kontakten anrege und die Menschheit vor die Wahl zwischen interstellarem Aufstieg oder Untergang stelle. Der Spot lässt sogar die Gestaltänderungen der Außerirdischen nachvollziehen: waren bis in die 70er Jahre weltweit vor allem Humanoide (oft Ikonen-ähnlich und nicht selten Brüder, Nachkommen oder Inkarnationen Jesus) vorherrschend, so wurden die "Grauen" (kleine Menschenähnliche mit großen Augen) zunächst in den USA populär und setzten sich dann mit Stephen Kings "Begegnung der dritten Art" von 1977 weltweit durch. Auch in der Rael-Überlieferung "entwickelte" sich das Bild der Elohim von der ersten gezeichneten Ikone zu einer helleren und freundlicheren Version der Grauen (stärkeres Kindchenschema, weniger bedrohliche Augen). Auch Meditationen und die Übertragung von Botschaften gehören zum raelianischen Angebot, wobei der Kontakt zu den Elohim nur von Rael ausgeht.

Sogar der Zusammenhang von Religionen und Reproduktion ist bei den Raelianern angesprochen: Einerseits lehnen die Raelianer aus ihrer Sicht "veraltete" Ehe-, Familien- und Sexualitätsgebote ab und sorgten beispielsweise mit der gezielten Verteilung von Kondomen an katholische Studenten in den USA für Aufsehen. Denn die zukünftige Reproduktion solle zunehmend über Klonen erfolgen - und das (nach nie bestätigten Angaben der Gemeinschaft) erfolgreiche Klonen eines Mädchens namens Eva (!) pünktlich zu Weihnachten (!) 2002 gehörte zu den größten Medienerfolgen der Gruppe.

Auch der Umstand, dass weibliche Mitglieder zwar im Rahmen von Missionskampagnen prominent vorgestellt werden, aber in der Anhängerschaft deutlich unterrepräsentiert erscheinen, fügt sich in die evolutionspsychologischen Befunde zur unterschiedlichen sexuellen Selektion ("Gretchenfrage") religiöser Glaubensinhalte, wie sie u.a. Harald Euler vermutet und empirisch belegt hat: UFO-Mythologien und freiheitlichere Sexualregeln sprechen deutlich überwiegend jüngere Männer an.

Das Klonen wird von der Gemeinschaft als eine wissenschaftliche Variante zur Erlangung von Unsterblichkeit betrachtet, zumal spätere Entwicklungen zur Übertragung auch der "Software" (d.h. biografischen Erinnerungen, Fähigkeiten etc.) führen könnten. An die Firma "Clonaid" wenden sich auch viele Nicht-Raelianer, die beispielsweise hoffen, verstorbene Angehörige, Kinder oder auch Haustiere "wieder zu bekommen". Bisher sind keine erfolgreichen Klone belegt und erscheinen nach derzeitigem Kenntnisstand auch unwahrscheinlich.

Da sich auch die raelianischen Elohim bisher jeder empirisch verifizierbaren Beobachtung entziehen, können sie als transzendente (im Sinne von außer- bzw. überhalb der beobachtbaren Natur stehende) Akteure bezeichnet werden. In diesem Sinne sind die Raelianer umfassend als neureligiöse Glaubensgemeinschaft auf Basis und in der Tradition populärer UFO-Mythologien beschreibbar.

Dr. Blume

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