Während die Republik über die Feiertage den Tod mehrerer Kinder deutscher Familien durch Gewalt und Vernachlässigung diskutierte, griff die Tatort-Folge "Wem Ehre gebührt" des NDR das bei vielen Deutschen beliebte Thema "Ehrenmorde unter Türken" auf. Tatmotiv der Folge war der Inzest-Vertuschungsversuch eines türkisch-alevitischen Familienvaters, der dazu eine Tochter umbrachte.
Die
Alevitische Gemeinde Deutschlands reagierte heftig: unter anderem mit einer Strafanzeige gegen den NDR, einer spontanen Demonstration gegen den Film gestern, einer angekündigten Großdemonstration am Sonntag und einem Appell an Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Eingreifen.
Nun herrscht einige Verwirrung. Ein neuer Karikaturenstreit mit einer religiösen Minderheit? Aber waren die Aleviten nicht "die liberalen Muslime" schlechthin? Warum werfen die türkisch-muslimischen Aleviten dem NDR vor, "sunnitische" Vorurteile wiedergegeben haben? Und warum werden in offiziellen Statistiken der Türkei die Aleviten gar nicht als Glaubensgemeinschaft ausgewiesen?
Zeit, für eine kleine Einführung in die wechselvolle Geschichte einer vielfältigen Religionsgemeinschaft.
Formierung des Alevismus
Als sich der osmanische Zentralstaat im Gebiet der heutigen Türkei etablierte, ging eine (v.a. auch durch religiöse Orden betriebene) Verbreitung des Islam mit einer traditionellen Akzeptanz religiöser Minderheiten einher. Neben der Erhaltung der etablierten Gemeinschaften wie Christen, Juden oder auch Yeziden entstanden jedoch auch neue Religionstraditionen. Insbesondere in ländlichen Regionen flossen lokale, vorislamische Überlieferungen (christlicher, zoroastrischer, naturreligiöser u.a. Wurzel) mit islamisch-schiitischen und mystischen Elementen zusammen und ergaben eine vor allem auf mündlicher (und musikalischer) Überlieferung basierende Religionskultur, die sich dezidiert kritisch zum osmanischen Zentralstaat und der orthodoxen Geistlichkeit stellte. Im tragischen Schicksal Alis und der blutigen Verfolgung der schiitischen Imame durch die damaligen, sunnitischen Kalifate erkannten die frühen Aleviten ihre Unterdrückungserfahrungen durch eine ferne Zentralmacht wieder. Statt der Moschee rückten Cem-Versammlungshäuser in den Mittelpunkt des religiösen Lebens, statt des islamischen Ritualgebets mystisch-verehrende Musik und Tänze, statt orthodoxer Schriftkunde die mündliche Tradition begabter Poeten und Sänger sowie vor allem heiliger Familien aus Dedes und Anas (spirituellen Vätern und Müttern), die sich auf Ali und seine Nachkommen zurückführten. Der Kontakt auch zur schiitischen Orthodoxie ging so sukzessive verloren, sowohl vom sunnitischen Mainstream wie auch von der Mehrheit der schiitischen Geistlichen wurden und werden Aleviten als Häretiker betrachtet.
Immer wieder kam es daher zu Übergriffen des Staates bzw. staatsnaher, nationalreligiöser Mobs wie auch umgekehrt zu antiosmanischen Aufständen, bevor sich ein wackeliger Modus vivendi entwickelte: die Aleviten verzichteten auf jede Mission und dogmatische Verschriftlichung, die die Orthodoxie hätte herausfordern können. Sie verinnerlichten sogar, dass nur Kinder aus rein alevitischen Ehen wiederum Aleviten sein könnten. Im Umkehrschluss wurde ihnen in ihren Dörfern (meistens) ein eigenes, kulturell-religiöses Leben zugestanden. Ein Verbindungsglied zwischen Staatsreligion und alevitischer Minderheit bildete vor allem der sufische Bektaschi-Orden (der unter anderem auch für die religiöse Betreuung der aus Familien religiöser Minderheiten geraubten Janitscharen zuständig war).
Das
Klischee der Inzucht, das den Aleviten bald von der sunnitischen Mehrheit entgegengebracht wurde, basierte also einerseits (wie die Alevitische Gemeinde in der Diskussion mit dem NDR hervorhebt) auf dem Umstand, dass in den alevitischen Cem-Versammlungen mit Tänzen und Musik keine strikte Geschlechter- und Generationentrennung erfolgt, aber andererseits auch auf der strikten Endogamie, die Ehen mit Andersglaubenden noch strikter ablehnte als der (sunnitische) Islam, Christen- oder Judentum.
Alevismus in der Moderne
Durch die Entwicklungen der Moderne veränderte sich die Situation der Aleviten drastisch. Mit dem Wegzug aus den Dörfern in die wachsenden, türkischen Großstädte brachen die traditionellen Gemeinschafts- und auch Traditionsstränge auseinander, zugleich endete die räumliche Trennung. Mit der wachsenden Zahl der Mischehen gingen die Kinder den alevitischen Gemeinschaften verloren, Assimilation wurde je nach Perspektive als Bedrohung oder Hoffnung betrieben. Sowohl von orthodox-religiöser wie auch von türkisch-rechtsextremer Seite wurden nichtassimilierte Aleviten zugleich massiv verleumdet und teilweise auch angegriffen. Umgekehrt strömten Aleviten (auch wegen der religiösen Entgemeinschaftung) in linksorientierte Gewerkschaften und Parteien und die Wahrnehmung alevitisch-links, sunnitisch-rechts vermischt bis heute politische und religiöse Konfliktlinien. Auch die Zahlenangaben spielen hierbei eine Rolle: alevitische Vertreter rechnen die eigene Anhängerschaft gerne hoch, sunnitische Sprecher gehen von sehr geringen Anteilen aus. Die Realität liegt in der Mitte: unter der großen Grundgesamtheit von Muslimen mit alevitischen Wurzeln identifiziert sich nur ein Teil als alevitisch und ein noch kleinerer Teil im religiösen Sinne verschieden von der türkisch-sunnitischen Mehrheit.
Erst Pogrome wie das Massaker von Sivas noch 1993, bei dem 37 Menschen (Aleviten und sunnitische Intellektuelle) verbrannten, führten zu einem zwischenzeitlichen Aufleben alevitischen Identitätsbewusstseins. Ziel des rechtsextrem wie auch islamistisch orientierten Mobs war v.a. Schriftsteller Aziz Nesin, der zuvor das Buch „Satanische Verse“ von Salman Rushdi ins Türkische übersetzte und die zunehmende Islamisierung und allgemein die Zustände in der Türkei kritisiert hatte - das verspätete Eingreifen der türkischen Staatsmacht wurde als Sympathisieren mit den Angreifern aufgefasst. Auch assimilierte Aleviten fühlten sich im Stich gelassen.
Die widersprüchliche Situation der Aleviten wird bis heute im Verhältnis zum türkischen Zentralstaat deutlich: einerseits wurden die national-kemalistischen Reformen einschließlich der strikten Kontrolle der islamischen Religionsausübung durch den ("laizistischen") Staat als Schritte zu bürgerlicher Gleichberechtigung und zum Schutz vor islamischen Extremisten begrüßt - viele Aleviten stiegen in Bürokratie, Politik, Justiz und Militär in hohe Ränge auf (und gerieten damit in die wechselseitige Eskalation anti-alevitischer und anti-sunnitischer Verschwörungstheorien). Andererseits aber verweigerte dieser türkisch-kemalistische Nationalstaat auch den Aleviten (insofern sie sich religiös verstanden) die eigene Identität. Ihre Existenz als eigenständige Religionsgemeinschaft wurde (und wird bis heute) geleugnet, mit den traditionellen Sufi-Orden auch ihre Strukturen (und damit Verbindungen zum sunnitischen Mainstream) aufgelöst, Cem-Veranstaltungen bestenfalls als "Folklore" gestattet und die islamische Staatsbehörde Diyanet setzte ihr religiöses Monopol mit dem Bau von Moscheen auch in alevitischen Dörfern und der Verpflichtung auch alevitischer Kinder zum sunnitischen Religionsunterricht durch. Der Aufstieg war also möglich, kostete aber nicht selten die religiöse Identität.
Bis heute bleiben die alevitischen Gemeinschaften auch untereinander in kaum kompatible Flügel zerstritten. Eine
linksnationalistische Strömung hält am klassischen Kemalismus (sowie einer Reihe weiterer, säkularer (v.a. sozialistischer) Ideologien) fest und orientiert sich überwiegend zentralwirtschaftlich und religionsfeindlich. Die eigene, alevitische Identität wird hier nur noch als individuelles, "kulturelles" Erbe verstanden, religiöse Elemente als "fortschrittsfeindlich" aufgegeben. Daneben stehen
traditional-ländliche Strömungen, die die eigene Lebensführung strikt bewahren und den vertieften Kontakt zu Sunniten eher meiden. Und schließlich gibt es eine
Strömung alevitischer Reformer, die einerseits eine eigenständige, alevitische Religionsgemeinschaft etablieren wollen, dabei aber auch traditionelle Elemente (wie das Verbot von Mischehen und Konversionen) zu überwinden versuchen.
In Europa und besonders in Deutschland und Österreich hat dieser dritte Flügel, geschützt durch den Rechtsstaat, Gemeindestrukturen etablieren können. Vereinzelt (so in Baden-Württemberg) ist es sogar zur Einführung von Modellversuchen auch eigenen, alevitischen Religionsunterrichts gekommen. Mit langsam wachsender Distanz zur Türkei ist sowohl der Einfluss der alevitischen Links- wie sunnitischen Rechtsnationalisten gesunken, teilweise hat ein vorsichtiger Dialog und Abbau der historischen Spannungen begonnen. Gleichzeitig aber haben die alevitischen Strukturen massive Nachwuchssorgen, da gerade auch Aleviten häufig säkularisieren, keine verbindlichen Schrifttraditionen existieren und nach wie vor der Status von Kindern aus Mischehen und Konversionswilligen inneralevitisch umstritten bleibt.
Der NDR-Tatort hat insofern ungewollt mehrere religionspolitische Aspekte auf einmal berührt. Einerseits weckt er bei vielen Aleviten genuine, traumatische Erinnerungen an Diskriminierungen, Verleumdungen und Verfolgungen durch sunnitische Nationalisten und Orthodoxe. Der Appell an die Bundeskanzlerin als Vertreterin der staatlichen Schutzmacht erfolgte so vor dem Hintergrund türkischer Erfahrungen.
Auch griff der NDR das gemeinsame, gerade auch in der europäischen Diaspora gepflegte Selbstbild religiöser und säkularer Aleviten als einer besonders fortschrittlichen und gut integrierten Kulturgemeinschaft an, die z.B. mit vermeintlich "sunnitischen" (in Wirklichkeit traditionalistischen) Ehrenmorden nichts zu tun habe.
Und schließlich bietet die echte Empörung den alevitischen Verbänden eine seltene Chance, die bröckelnden Reihen doch noch einmal zu schließen und eine gemeinsame Identität mit gemeinsamen Zielen zu beschwören.
Insofern wage ich die Prognose, dass sich die Debatten nicht sehr schnell beruhigen werden. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass sie noch eine gute Wendung zu mehr Kenntnis und Respekt zu nehmen vermögen, denn letztlich geht es den Aleviten mehrheitlich tatsächlich emotional um Schutz und Anerkennung; also um Güter, die Rechtsstaat und Medien mit Religionskompetenz durchaus erbringen könnten. Auch in diesem Streit finden also Lernprozesse statt.