Dienstag, 25. Dezember 2007

Inwiefern betrachten sich Juden als von Gott besonders auserwählt?

Bezüglich des Judentums bekomme ich wenige Fragen häufiger zu hören als diese. Manchmal erfolgt sie aus Interesse, gelegentlich schwingt jedoch auch ein ablehnender Unterton mit, so etwa: Halten die sich für etwas Besseres?

Diese Befürchtung gab es schon in der vorchristlichen Antike, in der nicht verstanden wurde, warum sich eine religiöse Minderheit kultisch so dauerhaft absondert, statt sich in den Schmelztiegeln der Mittelmeerstädte (z.B. auch Roms oder Alexandrias) zu assimilieren.

Die Antwort ist dagegen sehr einfach. Natürlich gibt es auch unter Juden -wie unter jeder anderen Menschengruppe- solche, die sich für "etwas Besseres" halten. Aber die jüdisch-religiöse Überlieferung benennt die "Erwählung" eindeutig als eine "Verpflichtung". Sie schließt damit besondere, religiöse Aufgaben auch anderer Völker und Religionen keineswegs aus und erkennt die Heilsmöglichkeit von Nichtjuden sogar ausdrücklich an. Auch das Neue Testament verzeichnet den argumentativ starken Einsatz des berühmten Rabbiners Gamaliel I. für Religionsfreiheit - lange konnten sich die kirchlichen Theologen dies jedoch nicht anders erklären als mit einer (extrem unwahrscheinlichen) "heimlichen Konversion" des Gelehrten. Erst in den letzten Jahrzehnten wurde anerkannt, dass hier bereits eine jüdische Lehrbegründung religiöser Freiheit und gegenseitigen Respekts aufscheint.

Noachidische Gebote

So wird bereits im ersten Buch der Bibel, in Genesis (1. Moses), der "Noachidische Bund" gesehen, der sich an alle Menschen richte - und nach dem auch alle Nichtjuden "Anteil an der kommenden Welt" erlangen könnten, insofern sie sieben grundlegende, noachidische Gebote (quasi ein biblisches Weltethos) einhielten.



Aus genau diesem Grund konnte das Judentum nicht nur auf Mission verzichten, sondern werden Bekehrungswillige sogar darauf hingewiesen, dass sie auch mit dem Einhalten "nur" der Noachidischen Gebote bestehen könnten. Die Eintritt in die erwählte, jüdische Gemeinschaft sei demgegenüber eine sehr viel umfassendere Bewährung, ohne das Versprechen eines unbedingt größeren Lohns.

Was Erwählung also nicht ist...

So führt der jüdische Theologe Edward Kessler, Michael Wyschogrod zitierend, aus, "dass die göttliche Erwählung Israels allein auf Gottes unwandelbarer Liebe gründet und von menschlicher Seite nicht aufgehoben werden kann. Gott erwählte Israel nicht, weil es besser ist als andere Völker - in mancher Hinsicht mag es sogar mehr negative Eigenschaften haben als andere. Gottes Wahl ist auch nicht bedingt durch den Gehorsam Israels gegenüber den Geboten, die Gott ihm als Ausdruck des göttlichen Willens gegeben hat. Zur Erwählung gehört auch Gottes Gesetz und die Androhung schwerer Bestrafung, wenn Israel seiner Erwählung nicht gerecht wird. Und obwohl sich das jüdische Volk endlos gegen seine Erwählung gewehrt hat, - und zwar mit verhängnisvollsten Konsequenzen für sich selbst und für den Rest der Menschheit -, blieb die göttliche Erwählung unbeschadet, denn Israels Erwählung ist eine unbedingte, allein auf Gottes Liebe gründende Erwählung."

(Edward Kessler in: Freiburger Rundbrief 1/2008, S. 11. Übersetzung Hans Hermann Henrix)

Fazit

Hat man sich also wirklich informiert, dann erscheint der biblisch-jüdische Erwählungsgedanke keinesfalls als eine arrogante, sondern vielmehr als eine sehr demütige und großherzige Lehre. Schon der wohl größte, jüdische Gelehrte des Mittelalters, Maimonides, jüd. Mosche ben Maimon, isl. Musa bin Maimun, lehrte daher trotz aller antijüdischen Übergriffe seiner Zeit aus christlichen und islamischen Reihen, dass Jesus und Muhammad womöglich ebenfalls aufgrund göttlicher Vorsehung wirksam geworden seien - um den nichtjüdischen Völkern die Botschaft des Einen Gottes zu übermitteln.

Dagegen waren es -zum Teil bis heute- vor allem christliche und islamische Fundamentalisten, die Juden immer wieder vorhielten (und z.T. vorhalten), wegen ihres Verhaltens habe Gott seine Erwählung gewechselt - nun könnten nur noch Christen bzw. Muslime in den Himmel gelangen. Aber weder biblisch noch koranisch sind diese neuen "Absolutheitsansprüche" gedeckt.

Und trotz aller Konflikte mehren sich die Zeichen, dass mutige Christen, Muslime, Juden und Andersglaubende aufeinander zugehen - und erkennen, dass sowohl die je anderen wie auch ihre eigenen Lehren vielleicht schon immer großherziger angelegt waren, als es aggressive Fundamentalisten aller Seiten bis heute wahrhaben wollen...

Dr. Blume

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