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Montag, 10. Dezember 2007

Haben Muslime mehr Kinder? - Zur Demografie des Islam in Deutschland

Streng genommen handelt es sich bei dieser Frage um einen Untersuchungsfall der Religionsdemografie und damit auch der entstehenden Evolutionsforschung zur Religiosität des Menschen: Haben religiöse Muslime, wie vor allem Islamkritiker wie Udo Ulfkotte publikumswirksam raunen, grundsätzlich mehr Kinder als ihre Ùmgebung? Auch mehr Kinder als z.B. religiöse Christen, Juden oder Hindus? Oder fügt sich auch der Islam in den demografischen Entwicklungspfad ein, den auch Europa beschritten hat: konfliktträchtige Bevölkerungsexplosionen in Agrargesellschaften, in denen v.a. Söhne Einkommen, Altersversorgung und Schatz verheißen und dann ein befriedender Geburteneinbruch in Industrie- und vor allem Wissensgesellschaften?



Im Rahmen einer faszinierenden Tagung der evangelischen Akademie Bad Boll mit der klaren Leitfrage "Wird Deutschland islamisch?" hatte ich die Gelegenheit, einen religionsdemografischen Vortrag gleichen Titels beizusteuern. Die religionsdemografischen Befunde erwiesen sich dabei als eindeutig: auch die Demografie von Muslimen entwickelt sich entlang der globalen, religionsdemografischen Entwicklungspfade. In der islamischen Welt sinken die Geburtenraten derzeit mit fortschreitender Entwicklung massiv ab - dennoch werden die "Jugendberge", die z.B. die Türkei bereits weitgehend hinter sich gebracht hat, noch die kommenden Jahrzehnte etwa Pakistans oder Ägyptens prägen.

Mit der sozioökonomischen Entwicklung sinken auch die Geburtenraten islamischer Länder. Da allerdings bereits große Jugendkohorten geboren wurden ist für Länder wie z.B. Pakistan noch eine Zeit demografischer Spannung (sog. "Jugendberg") zu erwarten. Die Türkei hat diese Entwicklung gerade hinter sich.

Extrem hoch bleiben die Geburtenraten (und mit dem "Sohnesüberschuss" die Konfliktneigung) nur in jenen Regionen, die von wirtschaftlicher und politischer Weiterentwicklung praktisch noch abgeschnitten sind: Teile Afrikas (z.B. Somalia), Palästina und teilweise Afghanistan. In Deutschland dagegen lässt sich geradezu beispielhaft beobachten, wie auch die Geburtenziffern von Musliminnen als Reaktion auf wirtschaftlich und freiheitlich entwickelte, aber familienfeindlich ausgeprägte Strukturen einbrechen.

Die Geburtenziffern muslimischer Zuwanderer passen sich massiv den familienfeindlichen Strukturen Deutschlands an. Von einer Islamisierung Deutschlands kann also keine Rede sein, vielmehr steigen Zuwanderer per Integration derzeit in das gesamtdeutsche, demografisch sinkende Boot.

Da Deutschland jedoch seit 1987 keine ordentliche Volkszählung mehr durchgeführt hat und auch im Mikrozensus leider keine Religionszugehörigkeit erhoben wurde, konnten sich auch Angaben zur Geburtenhäufigkeit nur an der Staatsangehörigkeit orientieren - und also jene wachsende Zahl von Musliminnen nicht erfassen, die durch Einbürgerung oder Geburt längst deutsche Staatsangehörige geworden sind. Die Vermutung, dass deren Geburtenziffern mit dem durchschnittlich höheren Integrationsniveau jedoch weiter abgesunken sind, lassen sich im Nachbarland verifizieren: die Schweiz hat eine ähnlich traditionelle Familienpolitik und daher vergleichbar niedrige Geburtenraten wie Deutschland, aber in 2000 noch einmal eine Volkszählung als Vollerhebung gemacht. Hier lassen sich die Geburtenziffern ausländischer und inländischer Musliminnen also vergleichen.

Die Schweizer Volkszählung 2000 erlaubt einen Vergleich der Kinderzahl ausländischer und inländischer Musliminnen. Mit zunehmendem Integrationsniveau nimmt der Kinderreichtum auch hier deutlich ab.

Auch diese Befunde bestätigen also die Annahme, dass sich Muslime demografisch nicht grundsätzlich anders verhalten als Christen oder Hindus. Vielmehr erweisen sich die traditionellen und damit unter heutigen Bedingungen familienfeindlichen Strukturen als gemeinsames Problem aller Einwohner Deutschlands - mit fortschreitender Integration steigen auch islamische Zuwanderer ins gleiche, demografisch sinkende Boot, in dem sich derzeit die deutsche (und Schweizer) Gesamtbevölkerung befindet. Eine moderne Familienförderung sollte daher ein gemeinsames Anliegen sein und werden.

Weltweit (hier an Daten des World Value Survey in inzwischen 82 Nationen ausgewertet) besteht ein enger Zusammenhang zwischen religiöser Praxis und Geburtenhäufigkeit. Sowohl in Deutschland (rot) wie weltweit (schwarz) haben religiös praktizierende Menschen durchschnittlich mehr Kinder - und damit, biologisch gesehen, mehr evolutive Fitness.

Nicht also nur "der Islam", sondern generell "praktisch alle Kulturen und Weltreligionen" (Birg) haben eine familien- und geburtenfördernde Wirkung - insofern sie verbindlich gelebt werden. Dies gilt für Christen, Muslime, Juden, Hindus etc. gleichermaßen: Religiöse haben mehr, Säkulare weniger Kinder. Und diese reproduktive Wirkung wurzelt eben nicht einfach in Traditionen, sondern ist (wie Friedrich August von Hayek formulierte) "nicht intrinsisch, sondern historisch" angelegt: Auch innerhalb der Weltreligionen setzen sich immer wieder jene Strömungen im religiös-demografischen Wettbewerb durch, die durch Lehren und Familiendienste Kinderreichtum begünstigen.

Sowohl das Familien- wie auch das (damit verbundene) Konfliktverhalten von Muslimen weicht also empirisch nicht signifikant von jenem von Christen in vergleichbaren Situationen ab. Auch wer also Angst vor einer "Islamisierung" Deutschlands oder der Welt hat (oder sich einflüstern lässt) - sollte sich gegen Diskriminierung und für eine faire Entwicklung auch der islamischen Welt einsetzen. Wer dagegen (wie schon der Pharao in Exodus) aus Angst vor der Demografie der Minderheit Ausgrenzung betreibt, verlängert und verschärft die kulturelle und demografische Differenz. Lokal wie global gilt also: Menschenrechts-, Friedens-, Entwicklungs- und Dialogpolitik macht (auch religionsdemografisch) Sinn!

Dr. Blume

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