Freitag, 16. November 2007

Internationales Forschernetzwerk: Evolutionary Religious Studies (ERS)

Letzten Sonntag erhielt ich ein E-Mail, wie man es sich als junger Wissenschaftler hin und wieder erträumt. Das ging mit dem Absender los: David Sloan Wilson, ein international bekannter und von mir sehr geschätzter Evolutionsbiologe (u.a. Darwin's Cathedral und andere). Über dessen Perspektive auf die derzeit wiederentdeckte Gruppenselektion hatte ich erst vor kurzem hier Bezug genommen.

Ebenso erfreulich wie der Absender aber war der Inhalt des Mails. Aufgrund eines vor kurzem vor internationalem Publikum gehaltenen Vortrages über die "Reproductive Benefits of Religiosity" (deutsch die "reproduktiven Gewinne durch Religiosität bzw. Frömmigkeit") lud mich Wilson als ersten Deutschen in das neu gegründete, internationale und interdisziplinäre Forschernetzwerk "Evolutionary Religious Studies" ein, verbunden mit dem Vorschlag, auch ein eigenes, religionsdemografisches Forschungsprojekt ("Research Project") anzustoßen.

Das Forschernetzwerk Evolutionary Religious Studies verbindet Forscher verschiedener Erdteile und Disziplinen mit einer gemeinsamen Perspektive: der Erforschung der Evolution von Religiosität und Religionen.

Besonders dankbar bin ich David aber dafür, dass er den o.g. Vortrag auch gleich den anderen Mitgliedern des ERS zur Verfügung stellte. Umgekehrt möchte ich auch im Rahmen dieses Blogs versuchen, Forschungsergebnisse aus dem Netzwerk auch in deutscher Sprache zugänglich zu machen. Meine Hoffnung ist, dass sich auch noch mehr deutschsprachige Institutionen und Forscher diesem sowohl natur- wie geisteswissenschaftlich spannenden Feld widmen und wir uns international erfolgreich einbringen könnten.

Die Value of Children (VOC) und der Bedeutungszuwachs der Religion(en)

Noch ignorieren es die Naturwissenschaften, namentlich die noch immer im Malthusianismus steckenden Biologen: aber aufgrund der empirischen Befunde haben sich in der Bevölkerungswissenschaft (wie von Adam Smith entworfen) nach einem soziologischen Zwischenspiel ökonomische Modelle durchgesetzt. Sie erkennen in der Frage der Elternschaft ein ökonomisches Entscheidungsproblem, in dem aber auch nichtmaterielle Werte in die Waagschale geworfen werden. Entsprechend lassen sich die Ansätze unter dem Kürzel "VOC" - Value of Children ("Wert von Kindern") zusammenfassen.

So ist es möglich, ökonomischen VOC-Erwägungen (Kinder als Altersversorgung, Arbeitskräfte) von emotionalen bzw. psychologischen VOC (Kinder bringen Freude, stärken die Familienbande) und schließlich normativen und also auch außerweltlich (transzendent) begründeten VOC (Pflicht gegenüber Ahnen, Gott, Familiennamen weiterführen etc.) zu unterscheiden.

Der demografische Value of Children-Ansatz untersucht, welche Wertargumente (potentielle) Eltern für Kinder benennen. Hier sind drei Dimensionen unterschieden.

Wie schon bei Herwig Birg von 1991 stieß ich auch bei Eckart Volands "Fortpflanzung: Natur und Kultur im Wechselspiel" (suhrkamp 1992) auf seit langem ruhende Schätze, hier insbesondere eine sorgfältige, empirische Arbeit von Bernhard Nauck "Fruchtbarkeitsunterschiede in der Bundesrepublik und in der Türkei. Ein interkultureller und interkontextueller Vergleich". So konnte Nauck, aufbauend auf Daten von Kagitcibasi, aufzeigen, wie sich die VOC türkischer Frauen von 1982 je nach dem Entwicklungsstand ihrer Wohnregion unterschied.

Die VOC von Frauen in der Türkei, nach Entwicklungsstand der Wohnregion 1982. In den noch agrarisch geprägten Regionen sprechen viel mehr ökonomische Gründe für Kinder, in den Großstädten gewinnen Emotionen und schließlich normative, d.h. auch religiöse Aspekte an relativem Gewicht für die reproduktive Entscheidung.

In den noch agrarisch geprägten Regionen sprechen viel mehr ökonomische Gründe für Kinder - 1983 erreichten die östlichen (anatolischen) Regionen der Türkei noch eine Geburtenrate von 6,5. Aus ökonomischer Sicht sind aber auch Töchter (die mit der Heirat den Hof verlassen) meist weniger lohnend als Söhne, von denen als Hoferben oder Wanderarbeiter auch eine direkte Unterstützung der Eltern erwartet werden kann. Die dominierende Familienform ist also die patriarchale Großfamilie.

In den Großstädten gewinnen Emotionen und schließlich normative, d.h. auch religiöse Aspekte an relativem Gewicht für die reproduktive Entscheidung - die sich dynamisch entwickelnde West-Türkei verzeichnete 1983 nur noch 2,7 Geburten pro Frau, in 2005 ist die Geburtenrate der Gesamttürkei sogar auf 2,2 gesunken. Denn in post-agrarischen Gesellschaften werden Kinder zunehmend von einem Ertrags- zum Kostenfaktor, sie werden seltener gewählt. Dafür werden sie aber als emotionaler und normativer "Gewinn" erlebt und entsprechend stärker gefördert. Hier haben wir also die Entwicklung zur neolokalen (sich agrar-unabhängige Wohnsitze schaffenden) Kleinfamilie mit mehr individueller Freiheit und stärkerer Gleichberechtigung der Geschlechter.

Zugleich gewinnen aber religiöse Gemeinschaften in zweifacher Hinsicht an Bedeutung: sie orientieren, wo traditionelle Zwänge und damit Wege nicht mehr bestehen. Und sie wirken sich reproduktiv stärker aus, da mit dem Wegfall ökonomischer Gründe das relative Gewicht normativer Familienbegründungen deutlich ansteigt.

Dieser Befund passt hervorragend nicht nur zur weltweiten Situation, sondern auch zur Geschichte der menschlichen Demografie - und erklärt auch, warum religiöse Vergemeinschaftung (also die Stärkung des normativen Faktors) in der Evolution des Menschen belohnt wurde - und belohnt wird.

Dr. Blume

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