Samstag, 10. November 2007

Spieltheorie & Vergemeinschaftung aus Glauben

In der Diskussion zur Gruppenselektion kritisierte Kunar mit Verweis auf die Spieltheorie die vermeintliche Rechtfertigung egoistischen Verhaltens durch die evolutionstheoretische Hypothesen Richard Dawkins.

Bisher nur in diesem Seminarvortrag angesprochen, gibt mir dieser Kommentar die Möglichkeit, auch im Blog das Thema einmal anzuschneiden.

Belohnt die Evolution Egoismus?

Dies ist ein Missverständnis, zu dem freilich nicht wenige Evolutionstheoretiker ihren Teil beigetragen haben. Auch Dawkins versucht sich in seinem Buch Gotteswahn z.B. davon zu distanzieren, dass der betrügerische Enron-Chef sich ausdrücklich auf sein Konzept und Frühwerk des "egoistische Gens" berief und meinte, dies habe ihm als Orientierung gedient.

Vielleicht sieht man sich im Leben mehr als einmal...

Kunar hatte dagegen den Aspekt der Wiederholungen (im spieltheoretischen Sprachgebrauch "iterierende Spiele" genannt) angeführt. Wenn sich die Gelegenheit zu einer Kooperation wiederhole, kann sich demnach frühe Kooperationsbereitschaft für alle Seiten lohnen, wogegen Nicht-Kooperierende abgestraft werden könnten.

Alexander Schmackpfeffer, ein befreundeter Bauingenieur, schilderte mir neulich eindrücklich, welche unterschiedlichen Herausforderungen sich im Brückenbau und im Hochbau ergeben können.

So wird der Brückenbau gewöhnlich als ein Gewerk von einem Firmenkonsortium erstellt. Das heißt: die Arbeitergruppen verschiedener Firmen arbeiten mehrere Monate zusammen und weil jeder mal die Hilfe des anderen brauchen könnte, besteht schnell eine hohe und unkomplizierte Kooperationsbereitschaft. Es entsteht ein Teamgeist, der noch dadurch verstärkt wird, dass die Mitwirkenden häufig vor Ort wohnen. Ein Bauleiter tut gut daran, sich als Teil dieses Teams zu verstehen und einzubringen.

Im Hochbau dagegen werden für Gebäude oft Dutzende Gewerke an verschiedenste Unternehmen der näheren und ferneren Umgebung vergeben. Jeder hat zunächst nur sein Gewerk im Blick und die Bereitschaft zur Kooperation ist eher niedrig, da man nur begrenzte Zeit vor Ort ist und sich mit höchster Wahrscheinlichkeit kaum wieder sieht. Die Folge: Es entsteht auch an einer großen Baustelle sehr viel seltener Teamgeist, oft werkeln die einzelnen Gruppen eher mißtrauisch für sich. Hier muss also Bauleitung ganz anders auftreten, moderieren, ggf. aber auch Kooperation erzwingen.

Dieses Beispiel gefällt mir auch deswegen so gut, weil es aufzeigt, dass es also nicht (nur) auf die moralische Qualität der Beteiligten ankommt, sondern auch auf den Rahmen, in dem sich Verhalten entfaltet. Auch beim Gutmütigsten bleiben Narben, wenn die Resultate von Kooperation überwiegend nur auf die eigenen Kosten gingen, vielleicht sogar der Ruf von Naivität ("Mit dem kann man's machen!") entsteht. Umgekehrt kann auch mancher Egoist lernen, dass Erfolg über vertrauensvolle Kooperation entsteht.

Zwei spieltheoretische Wirkwege von Religionsgemeinschaften

Soll ich kooperieren oder nutzt mich mein Gegenüber aus? Gemeinsame Glaubensüberzeugungen können helfen, dieses spieltheoretische Dilemma zu überwinden - ein wichtiger Baustein der Evolution von Religiosität.

Die Wirkung von Religionsgemeinschaften wird damit spieltheoretisch gleich zweimal fassbar: einmal vernetzen sie die Handelnden untereinander z.B. über regelmäßige Gottesdienste und erhöhen damit die Belohnungen für Kooperationen (z.B. Wohlwollen, Reputation) sowie die Bestrafungen für Nicht-Kooperationen (z.B. Verachtung). Diesen Effekt können auch säkulare Gemeinschaften wie Vereine, Lions-Clubs, Rotarier etc. erzielen.

Religionsgemeinschaften schalten aber zusätzlich eine transzendente Ebene ein: im gemeinsamen Glauben werden Werke der Liebe und Kooperation, wenn nicht im Diesseits, dann doch im Jenseits belohnt, Egoismus und Betrug dagegen bestraft. Und teure Aufwendungen (Rituale, Opfer an Zeit und Geld, Kleidungs- und Speisevorschriften etc.) dienen der Abschreckung von Trittbrettfahrern, die den Glauben nur heucheln, um an Kooperationschancen in der Gruppe zu gelangen.

Fazit

Aus heutigem evolutions- und spieltheoretischem Erkenntnisstand kann das "egoistische Gen" also bestenfalls als ergänzende Perspektive, keinesfalls aber mehr als ausreichende und schon gar nicht als normative Beschreibung des Evolutionsprinzips verstanden werden. Evolutionsprozesse entfalten sich über Erfolg: und der hatte und hat eben sehr viel öfter mit Modellen der Kooperation als mit blankem Egoismus zu tun.

Dr. Blume

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