Donnerstag, 11. Oktober 2007

Robert Malthus versus Adam Smith

Wahrscheinlich gibt es wenig Kontroversen, die die Geschichte der Wissenschaft bis in unsere Zeit so prägten wie die unterschiedliche Betrachtung der menschlichen Demografie durch die beiden Ökonomen Adam Smith und Thomas Robert Malthus.

Zwei unterschiedliche Perspektiven auch auf die menschliche Demografie, mit tiefgreifenden Folgen für Biologie, Sozial-, Geistes- und Religionswissenschaften: Adam Smith und Thomas Robert Malthus.

Bis heute dominiert in der Biologie des Menschen der "malthusianische Fehler", den schon der Mitentdecker der Evolutionstheorie Alfred Russel Wallace noch kurz vor seinem Tod 1913 als "die größte Täuschung von allen" erkannte, aber nicht mehr wirksam widerrufen konnte.

Malthus hatte Bruchsteine seiner These bei Adam Smith "geborgt", dessen "Wohlstand der Nationen" (1776) lange vor dem "Bevölkerungsgesetz" (1798) erschien, die Beobachtungen Smiths jedoch geradezu verdreht.

Smith

So hatte Smith (der auch selbst keine Familie gründete) angenommen, dass menschliche Erwachsene regelmäßig ihre Reproduktion vorausplanten. Er erklärte due Bevölkerungsverdopplung innerhalb von 25 Jahren in den nordamerikanischen Staaten mit dem hohen Bedarf an Arbeitskräften: die Löhne waren so hoch, dass eine große Kinderschar für Reichtum in der Familie sorgte. Auch alleinerziehende Mütter mit mehreren Kindern seien daher begehrte Partien gewesen. Mit Rückgang dieser ökonomischen Ausnahmesituation würde sich, so Smith, auch das Bevölkerungswachstum wieder verlangsamen: eine Voraussage, die eintraf.

Malthus

Was aber machte Malthus aus der Geschichte? Er, der in einer armen Landgemeinde mit großen Familien desillusioniert worden war, entwickelte eine pessimistische Sicht auf den Menschen. Dabei übernahm Malthus das Smithsche Beispiel, verdrehte aber seine Bedeutung ins glatte Gegenteil: diese außergewöhnliche, agrarische Bevölkerungsexplosion wurde bei ihm zum Standardbeispiel reproduktiven Verhaltens, Menschen verdoppelten sich (wenn ungebremst) exponentiell alle 25 Jahre. Denn die menschliche Reproduktion werde vorwiegend von mächtigen Trieben gesteuert, wie bei Tieren und Pflanzen auch.

Die niedrigen Geburtenraten von Jägern und Sammlern erklärte Malthus mit deren vermeintlichem Elend. Und die ihm vorliegenden Daten des deutschen Demografen (und evangelischen Probstes) Johann Süßmilch verkürzte er ebenfalls, um sie seiner Theorie "passend zu machen".

Die Folgen

Mit diesem "Argument" erreichte Malthus unter anderem die Einschränkung der Armenspeisung: denn diese zu versorgen bedeute ja, nur noch mehr Kinder zu ermöglichen. Später (und bis heute) würden sich Rassisten, Eugeniker und Hobbydemografen auf ihn berufen, um Maßnahmen gegen Fremde, Minderheiten, Arme und behinderte Menschen zu fordern, Grausamkeiten und Krieg zu rechtfertigen.

Genau dies bemerkte Wallace kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges noch und wies in diesem Interview darauf hin, dass der Mensch, wenn wohlhabend und gebildet, seine Reproduktion drosseln werde und es also keinerlei biologischen Grund für Krieg, Eugenik etc. geben müsse.

Wissensstand

Obwohl die malthusianische These derzeit völlig erkennbar auch in Deutschland nie zutraf und empirisch wieder und wieder belegt wurde, hält sie sich bis heute. Auch dass die menschliche Demografie inzwischen eine ganz klar ökonomische Disziplin geworden ist, die mit der Vorausplanung der Menschen arbeitet, hat den malthusianischen Irrtum bislang nicht aus der Biologie entfernen können.

Malthus in der Biologie

Der Grund: sie war genau der Baustein, den Malthus und Darwin benötigten, um die Evolution der Pflanzen und Tiere zu erklären! Wenn sich diese exponentiell vermehrten und stets die "Fittesten" "überlebten", dann war der Selektionsprozess verstanden. Und von hier, von den Pflanzen und Tieren, wurde diese Erkenntnis wiederum auf den Menschen rückübertragen. Bis heute glauben die meisten Biologen, gegen alle Daten, dass auch der Mensch dem "biogenetischen Imperativ" unterliege und sein Reproduktionsverhalten genetisch maximiert werde.

Mein persönlicher Forschungsansatz aber ist, dass mit der Entwicklung des Stirnhirns die Vorausplanung eintrat - und sich die genetische Struktur darauf logischerweise nicht "vorbereiten" konnte. Mit dem Überschreiten dieser demografischen Schwelle wurde menschliche Reproduktion eine wirtschaftliche und wertebezogene Entscheidung - und die Evolution der Religion(en) erfolgte, weil religiöse Glaubensauffassungen in mehr Kindern (reproduktivem Erfolg) resultieren konnten. Dies ist auch heute noch der Fall!

Lebendgeburten pro Frau nach Religionszugehörigkeit, Schweizer Zensus 2000, alle Kategorien. Es zeigt sich, dass "alle" religiösen Gemeinschaftskategorien durchschnittlich deutlich mehr Kinder erreichen als die Konfessionslosen.

Heutiger Stand

Es ist kein Zufall, dass mit Friedrich August von Hayek ein Wirtschaftsnobelpreisträger als erster einerseits den malthusianischen Irrtum erkennen und andererseits die reproduktive Funktion von Religion(en) erkennen würde. Und dennoch fürchte ich, dass es noch viele Jahre dauern wird, bis sich ein realistischeres Bild des Menschen sowie bessere Begriffe und Theorien auch in der Biologie durchgesetzt haben werden...

Dr. Blume

Religionswissenschaft aus Freude
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Weltweit (hier an Daten des World Value Survey in inzwischen 82 Nationen ausgewertet) besteht ein enger Zusammenhang zwischen religiöser Praxis und Geburtenhäufigkeit. Sowohl in Deutschland (rot) wie weltweit (schwarz) haben religiös praktizierende Menschen durchschnittlich mehr Kinder - und damit, biologisch gesehen, mehr evolutive Fitness.

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