In populären Vorstellungen wird die Evolution, insbesondere des Menschen, gerne als eine determinierte Fortschrittserzählung aufgefasst: wir werden immer stärker, klüger, fortschrittlicher etc.
Schon Darwin selbst aber rang damit, dass gerade die gebildeten Oberschichten Macht und Reichtum eben "nicht" in höhere Kinderzahlen umsetzten - sondern im Gegenteil sehr viel häufiger auf Kinder verzichteten als ärmere und ungebildetere Zeitgenossen. Unmittelbar nach seinem Tod begannen Sozialdarwinisten und Eugeniker sogar nach staatlichen Programmen zu rufen, um den genetischen Erfolg der (vermeintlich) Besten zu sichern. Die katastrophalen Folgen waren und sind bekannt, was heutige Ultradarwinisten wie Richard Dawkins nicht daran hindert, wieder zu fordern, über "Menschenzucht nachzudenken".
Ausgerechnet eine US-amerikanische Komödie, die außerhalb des Mainstreams und ohne Werbeaufwand lief, spült dieses Thema nun wieder ins öffentliche Bewusstsein. "Idiocracy" thematisiert, politisch völlig unkorrekt, eine Menschenwelt, die sich aus Konsumorientierung und Oberflächlichkeit selbst in die "Herrschaft der Idiotie" (so die Übersetzung des Begriffs) begeben habe. Hier die Auftaktminuten:
Was stimmt an dieser Zukunftsvision, was ist falsch?
Richtig ist, dass Evolutionsprozesse grundsätzlich nicht gerichtet sind - oder, besser gesagt, dass sich eine Evolutionsrichtung empirisch nicht verifizieren lässt. Ein Beispiel dafür sind auch die Dinosaurier, die Jahrmillionen den Planeten dominierten, bis ein Ereignis (wahrscheinlich ein Asteroid) den Verlauf änderte. Es ist also tatsächlich keinesfalls so, dass eine wie auch immer verstandene "Höherentwicklung" der Menschheit naturnotwendig geschehen müsse.
Des weiteren stimmt, dass sich das menschliche Reproduktionsverhalten vom tierischen dadurch unterscheidet, dass wir Menschen über Kinder bewusst vorausplanend entscheiden. Im Gegensatz zum Tierreich ist damit Reproduktion eine wirtschaftliche und wertebezogene Entscheidung. Und tatsächlich tendieren Menschen weltweit dazu, mit steigendem Wohlstand die Zahl ihrer Kinder (die für die Alterssicherung nicht mehr benötigt werden, aber Bindung, Kosten und Mühen bedeuten) zu reduzieren. Menschen haben tendenziell umso weniger Kinder, umso besser es ihnen materiell geht!
In Deutschland kommen seit Jahrzehnten nur noch zwei Kinder auf drei Erwachsene - eine dramatische Bevölkerungsimplosion, die inzwischen auch durch Zuwanderung nicht mehr aufgehalten werden kann.
Das menschliche Reproduktionsverhalten hat aber auch einen klaren Vorteil, den der Mit-Entdecker der Evolutionstheorie Alfred Russel Wallace noch kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges verzweifelt vertrat: Der Mensch ist nicht auf Bevölkerungsexplosionen, Kriege und Hunger festgelegt, eine friedliche Entwicklung ist möglich! In post-agrarischen Gesellschaften brechen die Geburtenraten weltweit ein (allein z.B. in Indien von 4,2 auf 3,0 in nur 15 Jahren, im Iran auf inzwischen 1,8, der Türkei auf 2,2 usw.), so dass wir in den kommenden Jahrzehnten den Stop des Bevölkerungswachstums und den Übergang in eine Schrumpfung erleben werden.
Und: Kinder sind nicht nur Geldfragen, vor allem religiöse Menschen (auch höherer Einkommens- und Bildungsschichten) entfalten auch unter freiheitlichen und entwickelten Bedingungen durchschnittlich stabilere und kinderreichere Familien - weltweit und auch in Deutschland.
Eine wichtige Voraussetzung dafür ist jedoch, dass sich die religiösen Gemeinschaften im Wettbewerb behaupten müssen. Denn Staats- und Monopolkirchen passen ihre Familienmodelle kaum mehr der Wirklichkeit an, weswegen Länder wie Griechenland, Italien, Spanien und teilweise auch Deutschland niedrige Geburtenraten aufweisen. Anhand der Schweizer Volkszählung kann man die unterschiedliche Performance verbindlich-moderner Gemeinschaften (z.B. Jüdisch (Jüd) und evangelisch-freikirchlich (ÜpK)) mit allzu strengen Traditionalismen (z.B. Neuapostolisch (NAK) oder Römisch-Katholisch (RkK)) vergleichen.
Es sind vor allem die kleineren, verbindlichen Gemeinschaften jüdischen, christlichen, islamischen und anderen Glaubens, denen es gelingt, teilweise hohe Bildungsabschlüsse ihrer Mitglieder mit hohem, demografischen Erfolg zu verbinden.
Im Gesamtbild ist der Idiocracy-Zuspitzung also zu widersprechen: die Menschheit steht keinesfalls vor einer generellen "Verblödung", aber eben auch nicht vor einer determinierten Höherentwicklung. Vielmehr entscheiden die Menschen im Rahmen wirtschaftlich-staatlicher Rahmenbedingungen zunehmend selbst, ob und wie viele Kinder mit allen Opportunitäts- und Bindungskosten sie haben. Wie wohl auch in der Entwicklungsgeschichte des modernen Menschen fällt die Religion dabei reproduktiv positiv ins Gewicht, was ihre Emergenz auch über ökonomisch-rationale Abwägungen hinaus erklärt.
Insofern ist an der Stoßrichtung des Idiocracy-Regisseurs Mike Judge etwas dran: nicht das Menschsein oder Naturgesetze, sondern unser gemeinsames und individuelles Ausmaß an Materialismus und Oberflächlichkeit bestimmen unsere zukünftige Entwicklung. Wer nur als Ichling lebt und die Bindungen und Kosten für Familie und Kinder scheut, nimmt seine Gene selbst aus dem Rennen.