Richard Dawkins: The God Delusion / Der Gotteswahn
Unter den derzeitigen Religionskritikern ist Richard Dawkins sicher der bekannteste. Im wissenschaftlichen Rahmen hat er zwar an Gewicht verloren, nachdem seine Memetik empirischer Überprüfung bisher unzugänglich blieb (um es vorsichtig zu formulieren) und er dafür unter anderem mit dem Vorschlag aufwartete, wieder über Menschenzucht nachzudenken. Auch viele Atheisten lehnen seine scharfe Polemik gegen Religionen ab. Auf der anderen Seite hat Dawkins aber längst eine über Memetiker hinausreichende, religionskritische Fangemeinde, die sich (vor allem auch im Internet) unter anderem in so genannten Bright-Zirkeln vernetzt. Die Frage ist: Lohnt sich sein neues Buch auch für diejenigen, die keine Dawkins-Jünger oder ggf. gar selbst religiös sind?

Meine persönliche Antwort lautet: Wenn Sie religionswissenschaftlich und/oder religionsphilosophisch interessiert sind, selbst nachdenken oder gar forschen sowie Polemik und rhetorische Tricks lieben oder doch vertragen - Ja!
Denn nachdem sich Dawkins einige Seiten Zeit genommen hat, um Atheisten anzugehen, die seine scharfe Religionskritik nicht teilen, legt er in bekannter Frische gegen die Weltreligionen los.
Dabei geht er am liebsten von markanten Einzelbeispielen aus, aus denen er die Berechtigung religiöser Rechte und schließlich überhaupt von Religion bestreitet. Indem er dafür extreme Beispiele aller Weltreligionen aufgreift, erlaubt er es dem Leser nicht, sich einfach von dieser oder jener Religion oder Gruppe abzusetzen, sondern zwingt Christen, Muslime, Juden, Hindus usw. gleichermaßen, sich zu fragen, warum sie (wenn Sie erlauben: wir) überhaupt religiös aktiv sind. Herrlich beispielsweise seine Anekdote über einen christlichen Theologen, der sich über die Glaubenswelt afrikanischer Stämme lustig macht - und dem Dawkins dann entgegenhält, was sein eigener Glauben so alles an schwer verdaulichen Inhalten enthält...
Die Wissenschaft ist dagegen etwas zurückgetreten und dient Dawkins vor allem als Munitionslager zur Bloßstellung religiöser Fundamentalisten. Eine absolut lesenswerte Ausnahme bildet jedoch das Kapitel, in dem er die verschiedenen Theorien zu religiös-evolutionärem Nutzen recht präzise zusammenfasst und auf ihre jeweiligen Schwächen hinweist. Das sind wirklich lesenswerte Seiten, bevor er (wissenschaftlich wie gesagt kaum befriedigend) eine memetische Antwort versucht - wobei diese deutlich vorsichtiger daher kommt als frühere Texte von ihm und fast aus "neutraler" Distanz die Thesen verschiedener Memetiker kommentiert.
Zu schaffen macht Dawkins aber auch, dass sich unter anderem der wegen Millionenbetrugs an Anlegern und Mitarbeitern verurteilte, frühere Enron-Chef ausdrücklich auf Anregungen aus Dawkins "Das egoistische Gen" berufen hatte. Dies lässt Dawkins noch einmal die Wurzeln menschlichen Altruismus diskutieren und sehr viel positiver darstellen, als dies früher bei ihm der Fall war.
Man kann hier von einem "Zurückrudern" in Sachen Memetik und Altruismus sprechen, mir persönlich imponiert es jedoch sehr, wenn ein Wissenschaftler auch (wenigstens in Ansätzen) bereit ist, frühere Positionen, mit denen er bekannt wurde, dennoch kritisch zu überdenken. Das gilt auch für einzelne biografische Andeutungen, wenn er etwa von guten Erfahrungen mit einem wunderbaren Schulkaplan berichtet oder davon, dass er sich gemeinsam mit führenden Theologen (!) an Tony Blair wandte, um gegen eine kreationistische Privatschule in Britannien zu protestieren. Dawkins wird nicht "weich", aber in Ansätzen wird er differenzierter.
Religion und Elternschaft
Den Zusammenhang von Religion und Kinderreichtum hat Dawkins noch nicht auf der Liste, allerdings nähert auch er sich dem Thema bereits an. So widmet er ein Schlusskapital der Diskussion religiöser Erziehung und ruft dazu auf, zwischen den Rechten der Kinder und denen ihrer Eltern zu unterscheiden. Weil das Kapitel seine Argumentationstechnik wunderbar darstellt, eine kurze Zusammenfassung:
Dawkins beginnt mit der Diskussion von Übergriffen katholischer Geistlicher an Kindern, denen er (seiner Ansicht nach nicht weniger "mißbräuchliche") Lehren von Schuld und Hölle gegenüberstellt. Müssten nicht, so Dawkins dann, Kinder vor allen Übergriffen geschützt werden?
Als Einstieg dient ihm der Fall einem jüdischen Jungen im Spanien des 19. Jahrhunderts, der von einem Kindermädchen heimlich getauft und dann von der Kirche (da "Christ") seinen Eltern entwendet wurde. Dabei weist er aber auch (mit Selbst-Schuld-Unterton) darauf hin, dass Juden eben gerne christliche Kindermädchen einstellten, da diese auch am Sabbat arbeiten durften.
Statt ein Kind also als Jude oder Christ zu bezeichnen, plädiert er dafür, es nur als Kind jüdischer oder christlicher Eltern gelten zu lassen. Und daraus zieht er nun den Schluss, Kinder staatlicherseits beispielsweise vor einer Erziehung als Amishe, orthodoxe Juden oder kreationistischen Privatschulen "zu schützen".
Der Leser reibt sich verblüfft die Augen, denn über diese Schritte ist es nun Dawkins, der faktisch für das Wegnehmen der Kinder plädiert - und kühl ausführt, dass er den Beitrag zur lebensweltlichen "Vielfalt" etwa der Amish-Lebensweise nicht für ein Argument hält, um den Kindern das eigene Amish-Schulsystem "anzutun".
Gerade in diesem Kapitel wird aber auch deutlich, dass Dawkins die Macht der so genannten vertikalen Transmission religiöser Überzeugungen in der Familie erkennt - und sie ihn besonders bei geburtenstarken Gemeinschaften (Amish, orthodoxe Juden, Mormonen, evangelikal-kreationistische Christen etc.) und Privatschulen beunruhigt.
Fazit
Sowohl Religionskritiker wie diejenigen, die hinter rationalistischem Atheismus Unfreiheit und den totalen Staat wittern, werden bei Dawkins wieder auf ihre Kosten kommen. Aber gerade auch für religiöse wie nichtreligiöse Menschen, die sich ernsthaft mit dem Zusammenhang von Religion und Wissenschaft beschäftigen wollen, lohnt die Lektüre durchaus. Denn Dawkins formuliert rhetorisch brilliant radikale Fragen, die wissenschaftliches, rechtliches und persönliches Nachdenken gerade dadurch fördern, weil sie kein einfaches, harmonisches Ausweichen erlauben. Wer Freiheit auch dann schätzt, wenn sie nicht aus Zuckerwatte ist, kommt hier auf seine Kosten.
Gott und die Religionen kann Dawkins nicht wirklich widerlegen, die Kritik an religiösen Fundamentalisten teilen auch die meisten Gläubigen und Dawkins-Jünger werden seine Mini-Distanzierungen von einigen früheren Positionen womöglich sogar bedauern. Wenn man ihn aber als radikal kritischen Religionsphilosophen mit treffsicheren Anekdoten und vor allem spannenden Fragen liest, kann man durchaus anerkennen, dass Dawkins manchmal schläfrige Religion-Wissenschaft-Debatten auf Trab brachte und teilweise noch bringt.

Meine persönliche Antwort lautet: Wenn Sie religionswissenschaftlich und/oder religionsphilosophisch interessiert sind, selbst nachdenken oder gar forschen sowie Polemik und rhetorische Tricks lieben oder doch vertragen - Ja!
Denn nachdem sich Dawkins einige Seiten Zeit genommen hat, um Atheisten anzugehen, die seine scharfe Religionskritik nicht teilen, legt er in bekannter Frische gegen die Weltreligionen los.
Dabei geht er am liebsten von markanten Einzelbeispielen aus, aus denen er die Berechtigung religiöser Rechte und schließlich überhaupt von Religion bestreitet. Indem er dafür extreme Beispiele aller Weltreligionen aufgreift, erlaubt er es dem Leser nicht, sich einfach von dieser oder jener Religion oder Gruppe abzusetzen, sondern zwingt Christen, Muslime, Juden, Hindus usw. gleichermaßen, sich zu fragen, warum sie (wenn Sie erlauben: wir) überhaupt religiös aktiv sind. Herrlich beispielsweise seine Anekdote über einen christlichen Theologen, der sich über die Glaubenswelt afrikanischer Stämme lustig macht - und dem Dawkins dann entgegenhält, was sein eigener Glauben so alles an schwer verdaulichen Inhalten enthält...
Die Wissenschaft ist dagegen etwas zurückgetreten und dient Dawkins vor allem als Munitionslager zur Bloßstellung religiöser Fundamentalisten. Eine absolut lesenswerte Ausnahme bildet jedoch das Kapitel, in dem er die verschiedenen Theorien zu religiös-evolutionärem Nutzen recht präzise zusammenfasst und auf ihre jeweiligen Schwächen hinweist. Das sind wirklich lesenswerte Seiten, bevor er (wissenschaftlich wie gesagt kaum befriedigend) eine memetische Antwort versucht - wobei diese deutlich vorsichtiger daher kommt als frühere Texte von ihm und fast aus "neutraler" Distanz die Thesen verschiedener Memetiker kommentiert.
Zu schaffen macht Dawkins aber auch, dass sich unter anderem der wegen Millionenbetrugs an Anlegern und Mitarbeitern verurteilte, frühere Enron-Chef ausdrücklich auf Anregungen aus Dawkins "Das egoistische Gen" berufen hatte. Dies lässt Dawkins noch einmal die Wurzeln menschlichen Altruismus diskutieren und sehr viel positiver darstellen, als dies früher bei ihm der Fall war.
Man kann hier von einem "Zurückrudern" in Sachen Memetik und Altruismus sprechen, mir persönlich imponiert es jedoch sehr, wenn ein Wissenschaftler auch (wenigstens in Ansätzen) bereit ist, frühere Positionen, mit denen er bekannt wurde, dennoch kritisch zu überdenken. Das gilt auch für einzelne biografische Andeutungen, wenn er etwa von guten Erfahrungen mit einem wunderbaren Schulkaplan berichtet oder davon, dass er sich gemeinsam mit führenden Theologen (!) an Tony Blair wandte, um gegen eine kreationistische Privatschule in Britannien zu protestieren. Dawkins wird nicht "weich", aber in Ansätzen wird er differenzierter.
Religion und Elternschaft
Den Zusammenhang von Religion und Kinderreichtum hat Dawkins noch nicht auf der Liste, allerdings nähert auch er sich dem Thema bereits an. So widmet er ein Schlusskapital der Diskussion religiöser Erziehung und ruft dazu auf, zwischen den Rechten der Kinder und denen ihrer Eltern zu unterscheiden. Weil das Kapitel seine Argumentationstechnik wunderbar darstellt, eine kurze Zusammenfassung:
Dawkins beginnt mit der Diskussion von Übergriffen katholischer Geistlicher an Kindern, denen er (seiner Ansicht nach nicht weniger "mißbräuchliche") Lehren von Schuld und Hölle gegenüberstellt. Müssten nicht, so Dawkins dann, Kinder vor allen Übergriffen geschützt werden?
Als Einstieg dient ihm der Fall einem jüdischen Jungen im Spanien des 19. Jahrhunderts, der von einem Kindermädchen heimlich getauft und dann von der Kirche (da "Christ") seinen Eltern entwendet wurde. Dabei weist er aber auch (mit Selbst-Schuld-Unterton) darauf hin, dass Juden eben gerne christliche Kindermädchen einstellten, da diese auch am Sabbat arbeiten durften.
Statt ein Kind also als Jude oder Christ zu bezeichnen, plädiert er dafür, es nur als Kind jüdischer oder christlicher Eltern gelten zu lassen. Und daraus zieht er nun den Schluss, Kinder staatlicherseits beispielsweise vor einer Erziehung als Amishe, orthodoxe Juden oder kreationistischen Privatschulen "zu schützen".
Der Leser reibt sich verblüfft die Augen, denn über diese Schritte ist es nun Dawkins, der faktisch für das Wegnehmen der Kinder plädiert - und kühl ausführt, dass er den Beitrag zur lebensweltlichen "Vielfalt" etwa der Amish-Lebensweise nicht für ein Argument hält, um den Kindern das eigene Amish-Schulsystem "anzutun".
Gerade in diesem Kapitel wird aber auch deutlich, dass Dawkins die Macht der so genannten vertikalen Transmission religiöser Überzeugungen in der Familie erkennt - und sie ihn besonders bei geburtenstarken Gemeinschaften (Amish, orthodoxe Juden, Mormonen, evangelikal-kreationistische Christen etc.) und Privatschulen beunruhigt.
Fazit
Sowohl Religionskritiker wie diejenigen, die hinter rationalistischem Atheismus Unfreiheit und den totalen Staat wittern, werden bei Dawkins wieder auf ihre Kosten kommen. Aber gerade auch für religiöse wie nichtreligiöse Menschen, die sich ernsthaft mit dem Zusammenhang von Religion und Wissenschaft beschäftigen wollen, lohnt die Lektüre durchaus. Denn Dawkins formuliert rhetorisch brilliant radikale Fragen, die wissenschaftliches, rechtliches und persönliches Nachdenken gerade dadurch fördern, weil sie kein einfaches, harmonisches Ausweichen erlauben. Wer Freiheit auch dann schätzt, wenn sie nicht aus Zuckerwatte ist, kommt hier auf seine Kosten.
Gott und die Religionen kann Dawkins nicht wirklich widerlegen, die Kritik an religiösen Fundamentalisten teilen auch die meisten Gläubigen und Dawkins-Jünger werden seine Mini-Distanzierungen von einigen früheren Positionen womöglich sogar bedauern. Wenn man ihn aber als radikal kritischen Religionsphilosophen mit treffsicheren Anekdoten und vor allem spannenden Fragen liest, kann man durchaus anerkennen, dass Dawkins manchmal schläfrige Religion-Wissenschaft-Debatten auf Trab brachte und teilweise noch bringt.
blume-religionswissenschaft - 3. Sep, 21:19


