Donnerstag, 19. Juli 2007

Die Theorie des religiösen Marktes

Durch einen Tip bin ich auf den hochkarätigen Blog Wirtschaftliche Freiheit gestossen, der mit Artikeln von renommierten Ökonomen bestückt wird.

Und prompt fiel mir der spannende Artikel von Rainer Hank zu Die säkulare Täuschung: Anmerkungen zur Theorie religiöser Märkte ins Auge.

Die Theorie vom Markt der Religionen...

...hat soviel Erklärungs- und Sprengkraft, dass sie von ihren Gegnern meist besonders heftig attackiert wird. Es freute mich daher ungemein zu lesen, dass es heute noch (und wieder) Ökonomen gibt, die den Mut haben, diesen Ansatz weiter zu verfolgen!

Worum geht es? Kritiker des "religiösen Marktes" werfen natürlich schnell ein, jetzt solle wohl auch noch die Religion "ökonomisiert" und "verwertet" werden. Dabei ist das komplette Gegenteil der Fall:

Die Theorie des religiösen Marktes nimmt stattdessen einfach Ernst, dass Menschen sehr unterschiedliche religiöse Bedürfnisse haben: die eine sucht vielleicht eine intensive und verbindliche Gemeinschaft, der andere eher unverbindliche Anregungen für die persönliche Sinnsuche in frei gewählten "Auszeiten", eine dritte die Betonung von Familienwerten, ein vierter Denkwege und Rituale für die individuelle Erlösung etc.

Die Überlegung ist jetzt: wenn es nur einen oder sehr wenige entwickelte Anbieter gibt (also ein Monopol oder Kartell herrscht), werden sich auf Dauer mangels geeigneter Angebote "weniger" Menschen religiös betätigen als wenn es eine Angebotsvielfalt gibt, die auch ganz unterschiedliche Menschen anspricht.

...entsteht durch und dient der Freiheit der Menschen

Es geht also gerade darum, den Menschen davor zu schützen, von (monopolistisch herrschenden) Institutionen verzweckt zu werden, sondern ihm umgekehrt zu erlauben, in Freiheit selbst zu entscheiden, ob und wo sie oder er sich religiös betätigen. Und damit werde, so die Theorie, auch die Qualität der Anbieter verbessert: denn Gemeinschaften, die sich "am religiösen Markt" behaupten müssten, könnten nicht mehr einfach mit den Mächtigen kuscheln und die einfachen Leute verachten, sondern müssten sich darauf konzentrieren, überzeugend und glaubwürdig zu sein.

Wo ein religiöses Monopol wie z.B. in Griechenland oder der Türkei oder ein Kartell, wie derzeit noch in Deutschland, herrscht, werden Minderheiten ausgegrenzt, es dominiert das Kollektiv. Echte Freiheit entsteht dort, wo ein fairer, auch religiöser Wettbewerb entstanden ist und Vielfalt wirklich toleriert, ja geschätzt wird. (Klick führt zum Hayek-Vortrag Potsdam mit religionsdemografischen Daten.)

Hank formuliert prägnant: "Je offener und wettbewerblicher eine Gesellschaft religiösen Angeboten ihren Raum lässt, die religiöse Nachfrage der Bürger zu befriedigen, umso dynamischer wird das religiöse Leben ausfallen."

Und inzwischen spricht eine wachsende Zahl empirischer Befunde dafür, dass dieser Zusammenhang tatsächlich besteht - etwa die anhaltend religiöse Lebendigkeit der USA oder Indiens gegenüber dem Verfall religiösen Lebens zum Beispiel im Iran. Auch die Entwicklung Südamerikas und Europas kann so erklärt werden: durch Monopol- und Kartellkirchen sowie atheistische Ideologien lange unterdrückt, bricht sich jetzt gerade auch durch die (in Europa v.a. demografisch !) wachsende Vielfalt Religiosität zunehmend wieder Bahn und führt zu einer merkbaren, diesmal pluralen Wiederbelebung von Religiosität. Erste Angebote von Freikirchen, Islam oder Buddhismus sind inzwischen in fast allen Großstädten Deutschlands zu finden und wecken auch die "etablierten" (und rechtlich noch klar privilegierten) Kirchen zunehmend aus ihrer Trägheit.

Erweiterung um die reproduktive Funktionalität

In einem gewissen Sinne muss man die Theorie des religiösen Marktes nur noch (wie auch von Friedrich August von Hayek vermutet) um den reproduktiven Nutzen ergänzen: dauerhaft erfolgreiche Religionsgemeinschaften zeichnen sich durch ebenso verbindliche wie lebensnahe Familienmodelle aus und erreichen so weit überdurchschnittliche Geburtenraten. Dann wird auch klar, warum Homo Oeconomicus das Beten lernte - wer religiös ist, ist (natürlich nur durchschnittlich) biologisch klar im Vorteil. Das gilt über indirekte Verwandtenselektion sogar häufig für Märtyrer und Menschen im Zölibat.

Oder, in Kurzform aufgezeigt: Die (um Demografie erweiterte) Theorie des religiösen Marktes erklärt nicht nur empirische Beobachtungen sehr genau, sondern zeigt darüber hinaus auf, warum Religion(en) dann (und nur dann!) lebensförderlich wirken können, wenn sie sich in Vielfalt und Wettbewerb in einem rechtsstaatlich-freiheitlichen Rahmen bewähren. Bestimmte Religionen staatlich zu privilegieren oder sogar Konkurrenten mit staatlicher Gewalt "auszuschalten" ist dagegen der sicherste Weg, um Religionen, Religiosität und schließlich auch die Demografie der betroffenen Völker schwer zu beschädigen.

Die Popularität des Dalai Lama

Der Dalai Lama kommt - und er genießt (wie auch die Süddeutsche Zeitung berichtet), unter Deutschen (wieder) größeres Vertrauen als der Papst. 44 Prozent erkennen im Dalai Lama, 42 Prozent im Papst "ein Vorbild" und der Buddhismus führt knapp vor dem Christentum als am "friedlichsten" geschätzte Religion.

Der Dalai Lama während eines Vortrages in Wiesbaden. Hessen nimmt eine besondere Rolle in den bisherigen Deutschland-Besuchen des buddhistischen Oberhauptes ein, da ihn und Ministerpräsidenten Roland Koch eine langjährige Freundschaft verbindet.

Zu seinen langjährigen Freunden zählt auch Ministerpräsident Roland Koch, der sich mit einer Einladung und klarem Bekenntnis zum Dalai Lama 2005 sowohl christlich-fundamentalistischen und chinesischen Widerspruch einfing.

Begründete Faszination?

Aber auch innerhalb des Buddhismus gibt es teilweise scharfe Kritik am Dalai Lama. Teilweise wird ihm vorgeworfen, die Religion aus vorwiegend politischen Gründen auf das Niveau von "Kalendersprüchen" herunter zu ziehen. Zudem wird auf vorbuddhistische Elemente in der tibetischen Tradition (z.B. die Verehrung von keinesfalls nur sanften Göttern und Dämonen), auf frauenfeindliche Traditionen und vor allem auf die keineswegs nur friedliche Rolle des tibetischen Staatsbuddhismus hingewiesen.

Denn es ist historisch richtig: die Gelugpa-Schule bildet nicht "den", sondern nur einen Zweig innerhalb des tibetischen Buddhismus, der wiederum viele vor- und nichtbuddhistische Elemente aufgenommen und sich teilweise weit von anderen Traditionen entfernt hat. Die besondere Rolle der Dalai Lamas innerhalb Tibets ging denn auch nicht auf freie Wahl, sondern auf blutige Kämpfe mit konkurrierenden Klostertraditionen zurück, in denen sich die Gelugpa vor allem durch ein Bündnis mit mongolischen Herrschern durchsetzen konnten. So entstand ein strikter Feudalstaat, in dem Massen nahezu rechtloser Bauern massive Abgaben für weltliche Adelige, vor allem aber für riesige Klöster (einschließlich derer Armeen!) zu erbringen hatten. Widerspruch oder gar Widerstand wurden auch mit Berufung auf religiöse Autoritäten gewaltsam unterbunden. Wie das frühe Christentum oder heute zum Beispiel der schiitische Islam im Iran entwickelte auch der Gelug-Buddhismus nach wenigen Jahrzehnten des Staatskirchentums von einer Kraft der Erneuerung zu einer der Unterdrückung.

Und doch...

...sollte eine faire Würdigung des jetzigen Dalai Lamas differenziert ausfallen. Denn als das kommunistische Regime unter Mao die ausgehandelten kulturellen und religiösen Freiheiten der Tibeter mit dem Anspruch der "Befreiung" (der auch heute wieder verkündeten: Freiheit durch Sozialismus...) beschnitt, Land "kollektivierte" und es zu Aufständen kam, floh er unter Lebensgefahr mit inzwischen zehntausenden Anhängern nach Indien. Und es gelang ihm im indischen Exil, auch gegen erbitterte, interne Widerstände quasi im Schnelldurchgang nur einer Generation der Übergang von der Staats- und Monopolkirche mit entsprechender Rückständigkeit und Gewaltbereitschaft hin zur Minderheitenkirche in einem demokratischen Staatswesen mit entsprechender Dialogbereitschaft und Friedfertigkeit, für den andere Religionsgemeinschaften (auch viele christlichen Kirchen) nicht selten Jahrhunderte benötig(t)en. Auch Morde zwischen rivalisierenden Fraktionen und Skandale um Mönche, die sich an Kindern vergangen hatten, wurden schmerzhaft diskutiert und nicht mehr einfach vertuscht, wie es in der Vergangenheit üblich geworden war. Schließlich gehört die Ankündigung, die Rolle der buddhistischen Frauen aufzuwerten, gehört in diese Reihe.

Wo ein religiöses Monopol wie z.B. in Griechenland oder der Türkei oder ein Kartell, wie derzeit noch in Deutschland, herrscht, werden Minderheiten ausgegrenzt, es dominiert das Kollektiv. Echte Freiheit entsteht dort, wo ein fairer, auch religiöser Wettbewerb entstanden ist und Vielfalt wirklich toleriert, ja geschätzt wird. (Klick führt zum Hayek-Vortrag Potsdam mit religionsdemografischen Daten.)

Wenn also sicher auch ein Teil der Dalai-Lama-Begeisterung auf einen bequem-uninformierten Exotismus zurück zu führen ist, so ist es auch andererseits möglich, in ihm ein Vorbild für den Erfolg von Demut und Reformbereitschaft im religiösen Wettbewerb zu erkennen. Er verkörpert eine Religion, deren Glaubwürdigkeit als Staatsmonopolist verfiel, die aber dann im demokratischen Rahmen und in scheinbarer Schwäche wieder zu den Menschen fand und global erblühte. Dass sich Religion von staatlichen Privilegien und Gewalt lösen und gerade darin moralisch erstarken kann - in dieser Hinsicht kann der Dalai Lama durchaus Vorbild sein.

Hoffen wir, dass auch das sich modernisierende und den religionsfeindlichen Sozialismus zunehmend abstreifende China den Dialog suchen und dem tibetischen Volk mehr Freiheit (gerade auch Religionsfreiheit) gewähren wird.

Dr. Blume

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