Sind Familienrollen angeboren?
Ingo vom Blog Studium Generale hat heute im Rahmen einer Diskussion um den Zusammenhang von Integration, Demografie und Religionspolitikdie These aufgeworfen, "daß offenbar bei Kindern das Bild der traditionellen Familie "Vater, Mutter, Kind", "Vater verdient Geld, Mutter kocht", also ganz archaische Sachen ANGEBOREN sind." (Hervorhebung im Original)
Diese Aussage fand ich so interessant, dass ich ihr einen ethnologisch orientierten Blogeintrag auf Basis der sehr lesenswerten Cambridge Endyclopedia of Hunters and Gatherers widmen möchte.
Vorab: Der evolutionsbiologische Befund
Zunächst: es ist biologisch offensichtlich und unstrittig, dass sich Männer und Frauen auch im Hinblick auf ihr Sexualverhalten unterscheiden.
Ein evolutionsbiologischer Hinweis auf eine aber sogar wachsende Bedeutung der einzelnen Frauen im arbeitsteiligen Gefüge bildet der abnehmende Größenunterschied (Geschlechtsdimorphismus) ab Homo erectus. Die Größen- und Gewichtsverhältnisse von Menschenfrauen und -männern glichen sich also tendenziell an (etwa im Vergleich zu Gorillas). Auch dies deutet darauf hin, dass nicht mehr nur Männer primär körperlich untereinander um einen möglichst großen "Harem" konkurrierten , sondern die Eigenwahl der Frauen (die stärker an anderen Vorzuügen als nur an Körperkraft orientiert war) an Bedeutung gewann.
Der ethnologische Befund
Abgesehen davon, dass natürlich Wildbeuterkulturen aus sich heraus noch keine Geldwirtschaft entwickelt haben, ist der Befund eindeutig: in allen noch existierenden Wildbeuterkulturen gibt es familienbezogen eine Arbeitsteilung, in jedem Fall sind die Frauen dabei über ihre Mutterrolle hinaus jedoch ebenfalls tätig ("berufstätig"), so in der Herstellung von Werkzeugen und Gebrauchsgegenständen, vor allem aber als Sammlerinnen und nicht selten gar als Mit-Jägerinnen. So betätigen sich bei fast allen Wildbeuterkulturen auch die Männer als Sammler, und umgekehrt jagen z.B. San-Frauen auch regelmäßig Kleintiere oder nehmen (so bei den Aka) auch vollwertige Jäger-Rollen ein.
Im Gegensatz zu populären Annahmen trägt das Sammeln dabei meist hauptsächlich zur Ernährung bei - es ist eher die (überwiegend männliche) Jagd auf Großtiere, die die Speisepläne um nur geringe, aber wichtige Anteile ergänzt.
Ganz klar ist auch der ethnologische Befund im Hinblick auf die Kindererziehung: vor allem bei den Kleinkindern während der Zeit des Stillens spielt die Mutter noch eine zentrale Rolle (stärker als der Vater), später aber wird Kindererziehung gemeinschaftlich organisiert. Es kommt innerhalb der Wildbeuter-Kleingruppen nicht vor, dass die Kinder in voneinander getrennten Kernfamilien praktisch ausschließlich von ihrer eigenen Mutter bzw. den eigenen Eltern betreut und erzogen werden. Stattdessen spielen und lernen die Kinder und Heranwachsenden miteinander und werden reihum von verschiedenen Erwachsenen beaufsichtigt bzw. unterwiesen. Auch noch in den agrarisch geprägten Kulturen Afrikas haben sich daher Sprichworte wie "Zur Erziehung eines Kindes braucht man ein ganzes Dorf" gehalten.
Fazit: Arbeitsteilung, aber flexibel
Wir können also davon ausgehen, dass sich auch in unserer Evolutionsgeschichte Veranlagungen zu flexibler Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern entfaltet haben. Die seit dem 17. Jahrhundert auftretende Alleinverdiener-Ehe, in der die Männer nahezu allein für den "Nahrungserwerb" zuständig sind und die Kinder überwiegend im Bereich der Haus-Mutter verbleiben, ist aber nur eine mögliche Konkretion, andere Arbeitsverteilungen sind möglich. Zum Erfolgsrezept des Menschen gehört offensichtlich gerade seine Flexibilität, die es ihm ermöglichte, sich in unterschiedliche Lebenswelten einzufügen.
Gerade auf diese Fähigkeit dürfte es also heute ankommen: der Mensch hat sich eigene Lebensumwelten geschaffen, die massiv von denen abweichen, die uns über Tausende von Generationen hinweg geprägt haben.
Wir tun also gut daran, evolutiv gewachsene Unterschiede einerseits nicht ideologisch zu leugnen, sie aber vor allem nicht als Ausrede gelten zu lassen, auch immer wieder neue Wege des Miteinanders auszuprobieren. Ebensowenig wie auf eine ernsthaft gelesene Bibel können sich Befürworter starrer Familienmodelle also auch nicht wirklich auf die Evolutionsgeschichte berufen. Eher ist (auch durch die weitgehende Verdrängung des für Frauenrechte eintretenden Mit-Entdeckers der Evolutionstheorie Alfred Russel Wallace) die auch eigenständige Bedeutung der Frauen und flexiblen Familienformen in der Evolutionsgeschichte des Menschen unterschätzt worden.
Wer also dem "natürlichen" Erfolgsmodell der menschlichen Evolution folgen will, der liegt mit der Förderung von Wahlfreiheit und also Vielfalt an Familienformen richtig. Der Mensch wurde zum Mensch, weil bei ihm das Bewahren nicht mehr absolut war, sondern auch immer das Experiment als Möglichkeit der Entdeckung offenließ. Damit konnten sich Generationen von Familien immer wieder neu auf die Welt um sich herum einstellen.
Diese Aussage fand ich so interessant, dass ich ihr einen ethnologisch orientierten Blogeintrag auf Basis der sehr lesenswerten Cambridge Endyclopedia of Hunters and Gatherers widmen möchte.
Vorab: Der evolutionsbiologische Befund
Zunächst: es ist biologisch offensichtlich und unstrittig, dass sich Männer und Frauen auch im Hinblick auf ihr Sexualverhalten unterscheiden.
Ein evolutionsbiologischer Hinweis auf eine aber sogar wachsende Bedeutung der einzelnen Frauen im arbeitsteiligen Gefüge bildet der abnehmende Größenunterschied (Geschlechtsdimorphismus) ab Homo erectus. Die Größen- und Gewichtsverhältnisse von Menschenfrauen und -männern glichen sich also tendenziell an (etwa im Vergleich zu Gorillas). Auch dies deutet darauf hin, dass nicht mehr nur Männer primär körperlich untereinander um einen möglichst großen "Harem" konkurrierten , sondern die Eigenwahl der Frauen (die stärker an anderen Vorzuügen als nur an Körperkraft orientiert war) an Bedeutung gewann.
Der ethnologische Befund
Abgesehen davon, dass natürlich Wildbeuterkulturen aus sich heraus noch keine Geldwirtschaft entwickelt haben, ist der Befund eindeutig: in allen noch existierenden Wildbeuterkulturen gibt es familienbezogen eine Arbeitsteilung, in jedem Fall sind die Frauen dabei über ihre Mutterrolle hinaus jedoch ebenfalls tätig ("berufstätig"), so in der Herstellung von Werkzeugen und Gebrauchsgegenständen, vor allem aber als Sammlerinnen und nicht selten gar als Mit-Jägerinnen. So betätigen sich bei fast allen Wildbeuterkulturen auch die Männer als Sammler, und umgekehrt jagen z.B. San-Frauen auch regelmäßig Kleintiere oder nehmen (so bei den Aka) auch vollwertige Jäger-Rollen ein.
Im Gegensatz zu populären Annahmen trägt das Sammeln dabei meist hauptsächlich zur Ernährung bei - es ist eher die (überwiegend männliche) Jagd auf Großtiere, die die Speisepläne um nur geringe, aber wichtige Anteile ergänzt.
Ganz klar ist auch der ethnologische Befund im Hinblick auf die Kindererziehung: vor allem bei den Kleinkindern während der Zeit des Stillens spielt die Mutter noch eine zentrale Rolle (stärker als der Vater), später aber wird Kindererziehung gemeinschaftlich organisiert. Es kommt innerhalb der Wildbeuter-Kleingruppen nicht vor, dass die Kinder in voneinander getrennten Kernfamilien praktisch ausschließlich von ihrer eigenen Mutter bzw. den eigenen Eltern betreut und erzogen werden. Stattdessen spielen und lernen die Kinder und Heranwachsenden miteinander und werden reihum von verschiedenen Erwachsenen beaufsichtigt bzw. unterwiesen. Auch noch in den agrarisch geprägten Kulturen Afrikas haben sich daher Sprichworte wie "Zur Erziehung eines Kindes braucht man ein ganzes Dorf" gehalten.
Fazit: Arbeitsteilung, aber flexibel
Wir können also davon ausgehen, dass sich auch in unserer Evolutionsgeschichte Veranlagungen zu flexibler Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern entfaltet haben. Die seit dem 17. Jahrhundert auftretende Alleinverdiener-Ehe, in der die Männer nahezu allein für den "Nahrungserwerb" zuständig sind und die Kinder überwiegend im Bereich der Haus-Mutter verbleiben, ist aber nur eine mögliche Konkretion, andere Arbeitsverteilungen sind möglich. Zum Erfolgsrezept des Menschen gehört offensichtlich gerade seine Flexibilität, die es ihm ermöglichte, sich in unterschiedliche Lebenswelten einzufügen.
Gerade auf diese Fähigkeit dürfte es also heute ankommen: der Mensch hat sich eigene Lebensumwelten geschaffen, die massiv von denen abweichen, die uns über Tausende von Generationen hinweg geprägt haben.
Wir tun also gut daran, evolutiv gewachsene Unterschiede einerseits nicht ideologisch zu leugnen, sie aber vor allem nicht als Ausrede gelten zu lassen, auch immer wieder neue Wege des Miteinanders auszuprobieren. Ebensowenig wie auf eine ernsthaft gelesene Bibel können sich Befürworter starrer Familienmodelle also auch nicht wirklich auf die Evolutionsgeschichte berufen. Eher ist (auch durch die weitgehende Verdrängung des für Frauenrechte eintretenden Mit-Entdeckers der Evolutionstheorie Alfred Russel Wallace) die auch eigenständige Bedeutung der Frauen und flexiblen Familienformen in der Evolutionsgeschichte des Menschen unterschätzt worden.
Wer also dem "natürlichen" Erfolgsmodell der menschlichen Evolution folgen will, der liegt mit der Förderung von Wahlfreiheit und also Vielfalt an Familienformen richtig. Der Mensch wurde zum Mensch, weil bei ihm das Bewahren nicht mehr absolut war, sondern auch immer das Experiment als Möglichkeit der Entdeckung offenließ. Damit konnten sich Generationen von Familien immer wieder neu auf die Welt um sich herum einstellen.
blume-religionswissenschaft - 12. Jul, 19:13
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