[>>]

Donnerstag, 12. Juli 2007

Sind Familienrollen angeboren?

Ingo vom Blog Studium Generale hat heute im Rahmen einer Diskussion um den Zusammenhang von Integration, Demografie und Religionspolitikdie These aufgeworfen, "daß offenbar bei Kindern das Bild der traditionellen Familie "Vater, Mutter, Kind", "Vater verdient Geld, Mutter kocht", also ganz archaische Sachen ANGEBOREN sind." (Hervorhebung im Original)

Diese Aussage fand ich so interessant, dass ich ihr einen ethnologisch orientierten Blogeintrag auf Basis der sehr lesenswerten Cambridge Endyclopedia of Hunters and Gatherers widmen möchte.



Vorab: Der evolutionsbiologische Befund

Zunächst: es ist biologisch offensichtlich und unstrittig, dass sich Männer und Frauen auch im Hinblick auf ihr Sexualverhalten unterscheiden.

Ein evolutionsbiologischer Hinweis auf eine aber sogar wachsende Bedeutung der einzelnen Frauen im arbeitsteiligen Gefüge bildet der abnehmende Größenunterschied (Geschlechtsdimorphismus) ab Homo erectus. Die Größen- und Gewichtsverhältnisse von Menschenfrauen und -männern glichen sich also tendenziell an (etwa im Vergleich zu Gorillas). Auch dies deutet darauf hin, dass nicht mehr nur Männer primär körperlich untereinander um einen möglichst großen "Harem" konkurrierten , sondern die Eigenwahl der Frauen (die stärker an anderen Vorzuügen als nur an Körperkraft orientiert war) an Bedeutung gewann.

Der ethnologische Befund

Abgesehen davon, dass natürlich Wildbeuterkulturen aus sich heraus noch keine Geldwirtschaft entwickelt haben, ist der Befund eindeutig: in allen noch existierenden Wildbeuterkulturen gibt es familienbezogen eine Arbeitsteilung, in jedem Fall sind die Frauen dabei über ihre Mutterrolle hinaus jedoch ebenfalls tätig ("berufstätig"), so in der Herstellung von Werkzeugen und Gebrauchsgegenständen, vor allem aber als Sammlerinnen und nicht selten gar als Mit-Jägerinnen. So betätigen sich bei fast allen Wildbeuterkulturen auch die Männer als Sammler, und umgekehrt jagen z.B. San-Frauen auch regelmäßig Kleintiere oder nehmen (so bei den Aka) auch vollwertige Jäger-Rollen ein.

Im Gegensatz zu populären Annahmen trägt das Sammeln dabei meist hauptsächlich zur Ernährung bei - es ist eher die (überwiegend männliche) Jagd auf Großtiere, die die Speisepläne um nur geringe, aber wichtige Anteile ergänzt.

Ganz klar ist auch der ethnologische Befund im Hinblick auf die Kindererziehung: vor allem bei den Kleinkindern während der Zeit des Stillens spielt die Mutter noch eine zentrale Rolle (stärker als der Vater), später aber wird Kindererziehung gemeinschaftlich organisiert. Es kommt innerhalb der Wildbeuter-Kleingruppen nicht vor, dass die Kinder in voneinander getrennten Kernfamilien praktisch ausschließlich von ihrer eigenen Mutter bzw. den eigenen Eltern betreut und erzogen werden. Stattdessen spielen und lernen die Kinder und Heranwachsenden miteinander und werden reihum von verschiedenen Erwachsenen beaufsichtigt bzw. unterwiesen. Auch noch in den agrarisch geprägten Kulturen Afrikas haben sich daher Sprichworte wie "Zur Erziehung eines Kindes braucht man ein ganzes Dorf" gehalten.

Fazit: Arbeitsteilung, aber flexibel

Wir können also davon ausgehen, dass sich auch in unserer Evolutionsgeschichte Veranlagungen zu flexibler Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern entfaltet haben. Die seit dem 17. Jahrhundert auftretende Alleinverdiener-Ehe, in der die Männer nahezu allein für den "Nahrungserwerb" zuständig sind und die Kinder überwiegend im Bereich der Haus-Mutter verbleiben, ist aber nur eine mögliche Konkretion, andere Arbeitsverteilungen sind möglich. Zum Erfolgsrezept des Menschen gehört offensichtlich gerade seine Flexibilität, die es ihm ermöglichte, sich in unterschiedliche Lebenswelten einzufügen.

Gerade auf diese Fähigkeit dürfte es also heute ankommen: der Mensch hat sich eigene Lebensumwelten geschaffen, die massiv von denen abweichen, die uns über Tausende von Generationen hinweg geprägt haben.

Wir tun also gut daran, evolutiv gewachsene Unterschiede einerseits nicht ideologisch zu leugnen, sie aber vor allem nicht als Ausrede gelten zu lassen, auch immer wieder neue Wege des Miteinanders auszuprobieren. Ebensowenig wie auf eine ernsthaft gelesene Bibel können sich Befürworter starrer Familienmodelle also auch nicht wirklich auf die Evolutionsgeschichte berufen. Eher ist (auch durch die weitgehende Verdrängung des für Frauenrechte eintretenden Mit-Entdeckers der Evolutionstheorie Alfred Russel Wallace) die auch eigenständige Bedeutung der Frauen und flexiblen Familienformen in der Evolutionsgeschichte des Menschen unterschätzt worden.

Wer also dem "natürlichen" Erfolgsmodell der menschlichen Evolution folgen will, der liegt mit der Förderung von Wahlfreiheit und also Vielfalt an Familienformen richtig. Der Mensch wurde zum Mensch, weil bei ihm das Bewahren nicht mehr absolut war, sondern auch immer das Experiment als Möglichkeit der Entdeckung offenließ. Damit konnten sich Generationen von Familien immer wieder neu auf die Welt um sich herum einstellen.

Dr. Blume

Religionswissenschaft aus Freude
Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de

kostenloser Counter

Bloggeramt.de

Gott, Gene und Gehirn - Von Rüdiger Vaas und Michael Blume

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Kommentare

Danke, Elsa!
Dein Wunsch hat sich erfüllt! :-) Auch Dir ein...
blume-religionswissenschaft - 12. Apr, 20:05
Ich wünsche dir...
Ich wünsche dir Frohe Ostern und schöne Feiertage...
ElsaLaska - 12. Apr, 17:02
@itz: Sehr gerne!
Und ich würde fast sagen, dass wir beide auch...
blume-religionswissenschaft - 12. Apr, 12:01
Erkenntnis!?
Lieber Sapere Aude, es freut mich, dass Sie anfangen...
blume-religionswissenschaft - 12. Apr, 11:58
Everybody be cool,......
“Nothing does reason more right, than the coolness...
itz (Gast) - 12. Apr, 10:17
http://www.blog.dignitatis .com/wordpress/
Dass Sie sich gegenseitig mit Genuss die Flöhe...
sapere aude (Gast) - 12. Apr, 00:26
Danke, Ihr zwei!
Bin gerade aus Stuttgart zurück - so schnelle...
blume-religionswissenschaft - 11. Apr, 21:25
Doller Vortrag!
Hallo Herr Dr. Blume, vielen Dank für den ebenso...
Astrofan (Gast) - 11. Apr, 19:27

Credits

Knallgrau New Media Solutions - Web Agentur für neue Medien

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page
xml version of this page (summary)

twoday.net AGB

Aus den Alben

Greenwood war einmal eine besonders erfolgreiche, afroamerikanische Gemeinde in den USA, bevor sie 1921 durch Rassenunruhen zerstört wurde. Die Besichtigung des letzten erhaltenen (Oberschicht-)Hauses, das heute von einer Stiftung erhalten wird, empfand ich als sehr beeindruckend.

Suche

 

Status

Online seit 1061 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 2. Sep, 12:39
    Hier gehts zu Twitter