Chef-Memetiker Richard Dawkins plädiert für Nachdenken über "Menschenzucht"
Richard Dawkins, Vordenker der pseudo-wissenschaftlichen "Memetik" und atheistisch-fundamentalistischer Religionskritiker, der mit der kommenden Buchübersetzung "Der Gotteswahn" auch in Deutschland seine Anhänger wieder verzücken wird, hat dafür plädiert, (wieder) über eine "moderne Eugenik" nachzudenken und die "Zucht des Menschen" nicht länger zu tabuisieren.
So schreibt er (unter anderem) hier:
"The spectre of Hitler has led some scientists to stray from 'ought' to 'is' and deny that breeding for human qualities is even possible. But if you can breed cattle for milk yield, horses for running speed and dogs for herding skill, why on earth should it be impossible to breed humans for mathematical, musical or athletic ability? [...] I wonder whether, sixty years after Hitler's death, we might at least venture to ask what is the moral difference between breeding for musical ability, and forcing a child to take music lessons."
Übersetzt:
"Das Gespenst Hitlers hat einige Wissenschaftler dazu geführt, von "Soll-" zu "Seinsaussagen" überzugehen und zu bestreiten, dass es überhaupt möglich wäre, menschliche Qualitäten zu züchten. Aber wenn man Kühe nach dem Milchertrag, Pferde nach der Geschwindigkeit und Hunde für das Schafehüten züchten kann, warum auf der Welt sollte es dann unmöglich sein, Menschen für mathematische, musikalische oder athletische Fähigkeiten zu züchten? [...] Ich frage mich, ob wir uns, sechzig Jahre nach Hitler's Tod, wenigstens trauen zu fragen, was der moralische Unterschied zwischen einem Züchten für musikalische Qualität und einer Verpflichtung von Kindern zu Musikunterricht ist."
Nicht überraschende Anmaßung von Wissen
Aus religionswissenschaftlicher Sicht kommen diese Äußerungen keineswegs überraschend. Denn wie Dawkins auch selber schreibt, waren "eugenische" Fantasien fester Bestandteil der Weltanschauungen sowohl linker wie rechter "Rationalisten" des 20. Jahrhunderts. Eugenische Programme gab es in vielen "entwickelten" Demokratien, die anstelle der "wilden" Natur und der "rückständigen", religiösen Lehren endlich das "planende Wissen", die "Vernunft" des Menschen setzen wollten: Zentrale Planwirtschaft statt "chaotischem" Markt, "Erziehungsregiment" statt "schwächlicher Liberalität" und eben "Menschenzucht" (Förderung "guter" und Unterdrückung "schlechter" Geburten) statt "verantwortungsloser Liebe"...
Insofern steht die atheistische Weltanschauung der Memetik hier in einer klaren Tradition, spiegelbildlich zum religiösen Kreationismus: beide Seiten halten einen "Intelligent Designer" für notwendig, der religiöse Fundamentalist zur Erklärung der Evolution, der atheistische Fundamentalist zu ihrer "Steuerung". Der religiöse Fundamentalist warnt dabei vor Eingriffen in das von ihm konstruierte Verständnis von Schöpfung, weil diese transzendent begründet und also heilig seien. Weil es Gott gebe, sei selbst wertneutrale Forschung gefährlich, auch Wissenschaft müsse immer schon Gott voraussetzen.
Der atheistische Fundamentalist plädiert dagegen im Rahmen der "Abschaffung von Tabus" dafür, Erziehung und "Zucht" auf der gleichen Ebene zu diskutieren, da es eben keine transzendent begründete Unantastbarkeit gebe. Weil wertneutrale Wissenschaft keinen Gott voraussetzen müsse, könne es auch keinen Gott geben, also sei erst einmal alles erlaubt.
Beide Seiten pflügen den Gedanken unter, zwischen naturwissenschaftlicher Erforschung und religiös-weltanschaulicher Bewertung (und der Begrenztheit und Vorläufigkeit beider Erkenntniswege) immer wieder sorgsam zu differenzieren. Die Wissenschaft wird missbraucht, um religiöse bzw. weltanschauliche Ansprüche als vermeintlich absolut zu legitimieren.
Entsprechend findet auch der Menschenzucht-Vorstoss Dawkins in atheistisch-rationalistischen Kreisen Deutschlands durchaus Zustimmung, zumal sich auch die "neue Eugenik" wieder sowohl mit "progressiven" Zielen (Lasst uns einen besseren Menschen schaffen) wie mit xenophoben Ressentiments (Der IQ der Europäer sinkt, dagegen müssen wir anzüchten!) verbinden lässt. Auf der anderen Seite werden sich religiöse Fundamentalisten in ihrem Irrtum bestätigt sehen, dass die Evolutionstheorie mit religiösem Glauben unvereinbar sei. Dem Verkaufserfolg vom "Gotteswahn" wird's nützen...
Mich persönlich fröstelt dagegen, wie gerne wir Menschen uns schon wieder auf die die Anmaßung von Wissen (so die Nobelpreisrede Friedrich August von Hayeks) einlassen. Wieder glauben wir, unsere beschränkten, rationalen Fähigkeiten wären geeignet, um gewachsene, transzendente Glaubensfundamente auszuschließen und uns dafür selbst (bzw. einige Wissenschaftler) in den quasi-gottgleichen Rang als "Intelligente Designer" zu erheben - eine "geplante" Wirtschaft, Gesellschaft und sogar Biologie zu schaffen...
Da halte ich es mit dem christlichen Mit-Entdecker der Evolutionstheorie Alfred Russel Wallace, der bereits 1893 in diesem Interview eugenischen Fantasien entschieden entgegentrat und stattdessen für die freie Entfaltung der Menschen im Rahmen von Demokratie, Bildung, Frieden und Gleichberechtigung der Geschlechter eintrat!
Und ich hoffe immer noch darauf, dass sich mehr Menschen gerade in den Evolution-Religion-Debatten der wissenschaftlichen Vernunft zwischen Intelligent Design und Ultra-Darwinismus widmen, sich eigenständig kundig machen und sowohl den religiösen wie den atheistischen Fundamentalisten durch seriöse Wissenschaft entgegentreten.
So schreibt er (unter anderem) hier:
"The spectre of Hitler has led some scientists to stray from 'ought' to 'is' and deny that breeding for human qualities is even possible. But if you can breed cattle for milk yield, horses for running speed and dogs for herding skill, why on earth should it be impossible to breed humans for mathematical, musical or athletic ability? [...] I wonder whether, sixty years after Hitler's death, we might at least venture to ask what is the moral difference between breeding for musical ability, and forcing a child to take music lessons."
Übersetzt:
"Das Gespenst Hitlers hat einige Wissenschaftler dazu geführt, von "Soll-" zu "Seinsaussagen" überzugehen und zu bestreiten, dass es überhaupt möglich wäre, menschliche Qualitäten zu züchten. Aber wenn man Kühe nach dem Milchertrag, Pferde nach der Geschwindigkeit und Hunde für das Schafehüten züchten kann, warum auf der Welt sollte es dann unmöglich sein, Menschen für mathematische, musikalische oder athletische Fähigkeiten zu züchten? [...] Ich frage mich, ob wir uns, sechzig Jahre nach Hitler's Tod, wenigstens trauen zu fragen, was der moralische Unterschied zwischen einem Züchten für musikalische Qualität und einer Verpflichtung von Kindern zu Musikunterricht ist."
Nicht überraschende Anmaßung von Wissen
Aus religionswissenschaftlicher Sicht kommen diese Äußerungen keineswegs überraschend. Denn wie Dawkins auch selber schreibt, waren "eugenische" Fantasien fester Bestandteil der Weltanschauungen sowohl linker wie rechter "Rationalisten" des 20. Jahrhunderts. Eugenische Programme gab es in vielen "entwickelten" Demokratien, die anstelle der "wilden" Natur und der "rückständigen", religiösen Lehren endlich das "planende Wissen", die "Vernunft" des Menschen setzen wollten: Zentrale Planwirtschaft statt "chaotischem" Markt, "Erziehungsregiment" statt "schwächlicher Liberalität" und eben "Menschenzucht" (Förderung "guter" und Unterdrückung "schlechter" Geburten) statt "verantwortungsloser Liebe"...
Insofern steht die atheistische Weltanschauung der Memetik hier in einer klaren Tradition, spiegelbildlich zum religiösen Kreationismus: beide Seiten halten einen "Intelligent Designer" für notwendig, der religiöse Fundamentalist zur Erklärung der Evolution, der atheistische Fundamentalist zu ihrer "Steuerung". Der religiöse Fundamentalist warnt dabei vor Eingriffen in das von ihm konstruierte Verständnis von Schöpfung, weil diese transzendent begründet und also heilig seien. Weil es Gott gebe, sei selbst wertneutrale Forschung gefährlich, auch Wissenschaft müsse immer schon Gott voraussetzen.
Der atheistische Fundamentalist plädiert dagegen im Rahmen der "Abschaffung von Tabus" dafür, Erziehung und "Zucht" auf der gleichen Ebene zu diskutieren, da es eben keine transzendent begründete Unantastbarkeit gebe. Weil wertneutrale Wissenschaft keinen Gott voraussetzen müsse, könne es auch keinen Gott geben, also sei erst einmal alles erlaubt.
Beide Seiten pflügen den Gedanken unter, zwischen naturwissenschaftlicher Erforschung und religiös-weltanschaulicher Bewertung (und der Begrenztheit und Vorläufigkeit beider Erkenntniswege) immer wieder sorgsam zu differenzieren. Die Wissenschaft wird missbraucht, um religiöse bzw. weltanschauliche Ansprüche als vermeintlich absolut zu legitimieren.
Entsprechend findet auch der Menschenzucht-Vorstoss Dawkins in atheistisch-rationalistischen Kreisen Deutschlands durchaus Zustimmung, zumal sich auch die "neue Eugenik" wieder sowohl mit "progressiven" Zielen (Lasst uns einen besseren Menschen schaffen) wie mit xenophoben Ressentiments (Der IQ der Europäer sinkt, dagegen müssen wir anzüchten!) verbinden lässt. Auf der anderen Seite werden sich religiöse Fundamentalisten in ihrem Irrtum bestätigt sehen, dass die Evolutionstheorie mit religiösem Glauben unvereinbar sei. Dem Verkaufserfolg vom "Gotteswahn" wird's nützen...
Mich persönlich fröstelt dagegen, wie gerne wir Menschen uns schon wieder auf die die Anmaßung von Wissen (so die Nobelpreisrede Friedrich August von Hayeks) einlassen. Wieder glauben wir, unsere beschränkten, rationalen Fähigkeiten wären geeignet, um gewachsene, transzendente Glaubensfundamente auszuschließen und uns dafür selbst (bzw. einige Wissenschaftler) in den quasi-gottgleichen Rang als "Intelligente Designer" zu erheben - eine "geplante" Wirtschaft, Gesellschaft und sogar Biologie zu schaffen...
Da halte ich es mit dem christlichen Mit-Entdecker der Evolutionstheorie Alfred Russel Wallace, der bereits 1893 in diesem Interview eugenischen Fantasien entschieden entgegentrat und stattdessen für die freie Entfaltung der Menschen im Rahmen von Demokratie, Bildung, Frieden und Gleichberechtigung der Geschlechter eintrat!
Und ich hoffe immer noch darauf, dass sich mehr Menschen gerade in den Evolution-Religion-Debatten der wissenschaftlichen Vernunft zwischen Intelligent Design und Ultra-Darwinismus widmen, sich eigenständig kundig machen und sowohl den religiösen wie den atheistischen Fundamentalisten durch seriöse Wissenschaft entgegentreten.
blume-religionswissenschaft - 9. Jul, 02:07
2 Kommentare - Kommentar verfassen - 0 Trackbacks


