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Sonntag, 8. Juli 2007

Der reproduktive Vorteil von Religion(en) - Die Datenquellen

Wie jede wissenschaftliche Hypothese entwickelt sich auch die Forschung zum Zusammenhang von Religion und Demografie und damit dem evolutionsbiologischen Vorteil von Religionen entlang von Einwänden und vertieften Tests und Datenerhebungen. Da in der letzten Zeit viele neue Leser und Fragende zu dem Thema gestossen sind, möchte ich heute die bisher aufgetretenen Einwände und die dazu antwortenden Daten noch einmal kompakt auflisten und würde mich freuen, Ihnen damit das Anknüpfen oder auch gerne den "Einstieg" in die seriöse Erörterung der Evolution von Religiosität und Religionen zu erleichtern.

Die Hypothese lautet: Religiosität (verstanden als biologische Veranlagung zur religiösen Deutung von Erfahrung und zu religiösem Verhalten) und Religionen (verstanden als kulturelle Ausprägungen gemeinschaftlicher Religiosität) entwickelten sich in der Evolution des Menschen primär über Reproduktionsvorteile. Auch heute entscheiden sich religiös vergemeinschaftete Menschen für durchschnittlich deutlich mehr Kinder als ihre säkularen Nachbarn in vergleichbaren Verhältnissen.

Religionsdemografische Daten, die solches z.B. für Deutschland belegen, liegen bereits länger vor, z.B. hier:



Auch eigene Datenerhebungen im Rahmen des ersten religionsdemografischen Seminars an der Universität Tübingen wiesen einen klaren Zusammenhang von Kinderzahl zu religiöser Praxis (beispielsweise Gebetshäufigkeit) auf.

Auch in Deutschland haben verbindlich religiöse Menschen durchschnittlich deutlich mehr Kinder als ihre säkularen Nachbarn. Das Verhältnis von Gebetshäufigkeit und durchschnittlicher Kinderzahl auf Basis der ALLBUS-Befragung Deutschland 2002.

Richtig vom Kausalzusammenhang (nach Granger) überzeugt war ich aber selbst erst, nachdem mir auch die Daten der Schweizer Volkszählung vorlagen - die eine deutlich höhere Geburtenrate aller religiösen Kategorien gegenüber den Konfessionslosen aufwiesen.

Lebendgeburten pro Frau nach Religionszugehörigkeit, Schweizer Zensus 2000, alle Kategorien. Es zeigt sich, dass "alle" religiösen Gemeinschaftskategorien durchschnittlich deutlich mehr Kinder erreichen als die Konfessionslosen.

Und inzwischen gibt es auch völlig unabhängige Bestätigungen, beispielsweise von Dr. Dominik Enste aus dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln, der den Zusammenhang von religiöser Praxis und Kinderzahl auf Basis des World Value Survey (Weltwertebefragung) in inzwischen 82 Nationen sowohl für Deutschland wie international untersuchte - und bestätigte.

Die Grafik wurde aufgrund von Daten des World Value Survey erstellt, die Daniel Enske vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln zu einer Studie verdichtete.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass auch US-Experten für internationale Politik auf diesen Zusammenhang gestossen sind - der mit erklärt, warum Religionen mit Macht auf die politische Bühne zurückkehren.



Nun aber die bisher vorgebrachten Einwände gegen diese Hypothese eines Kausalzusammenhanges (nach Granger).

- Könnte die höhere Kinderzahl religiös vergemeinschafteter Menschen ggf. durch Faktoren wie Bildung, Einkommen oder Alter bedingt sein?

Dieser Einwand ist so naheliegend, dass wir ihn im Rahmen der erwähnten ALLBUS-Auswertung als erstes überprüften: wir wählten als Befragtengruppe nur eine Generation (35-45 J.) und überprüften, ob sich das Ergebnis nach Einkommens- und Bildungsschichten unterschied. Und das tat es tatsächlich - aber anders, als viele (auch einige von uns) anfangs angenommen hatten: mit zunehmender Bildung und zunehmendem Einkommen nahm der reproduktive Unterschied zwischen Religiösen und Säkularen sogar tendenziell zu!

Mit steigender Bildung und steigendem Einkommen nimmt der reproduktive Unterschied zwischen Religiösen und Säkularen zu - denn in reichen und gebildeten Schichten "kosten" Kinder besonders viele Optionen, Religiosität gewinnt an relativer Bedeutung.

- Warum haben einige katholische Länder wie Italien und Polen niedrige Geburtenraten, das säkularere Schweden oder das laizistische Frankreich höhere?

Es ist klar zu unterscheiden zwischen Religion und Tradition. Traditionelle Familienmodelle haben sich in früheren Umständen bewährt, wurden deshalb erfolgreich tradiert. Aber nur in der experimentellen Weiterentwicklung im (auch) religiösen Wettbewerb bleiben die demografischen Effekte vital.

Länder, in denen religiöse Monopole oder Kartelle den religionsdemografischen Wettbewerb bei gleichzeitiger wirtschaftlich-gesellschaftlicher Modernisierung abwürgen, verlieren daher unweigerlich den demografischen Anschluss - aktuell z.B. Polen, Italien, Griechenland, Deutschland, Iran etc. Denn die traditionellen Familienformen sind den modernen Anforderungen nicht mehr gewachsen, und neue konnten sich kaum entwickeln.

Demografisch erfolgreich sind dagegen jene Länder, in denen die Politik moderne Familienpolitik auch gegen religiöse Traditionalisten durchsetzte (z.B. Schweden, Frankreich) - vor allem aber die USA, in denen der religiöse und familienpolitische Wettbewerb so ausgeprägt ist, das es kaum staatlicher Geburtenförderung bedarf! Und: innerhalb aller bekannten Gesellschaften erreichen die Religiösen ihren relativen, durchschnittlichen Reproduktionsvorteil.

Und auch innerhalb der Einzelgesellschaften lässt sich der Wettbewerb beobachten. Die folgende Grafik auf Basis der Schweizer Volkszählungen 1970, 80, 90 und 2000 zeigt den demografischen Erfolg modern-angepasster (Jüdisch, rot) und dezentral-wettbewerbsorientierter Freikirchen (Übrige protestantische Kirchen, Üpk, pink), aber auch den demografischen Niedergang traditionalistischer Kirchen wie der römisch-katholischen (RkK, blau) Groß- oder auch der neuapostolischen, kleineren Kirche (NaK, orange). Immer an letzter Stelle bleiben die Konfessionslosen (KeZ, weiss).

Diese neu erstellte Grafik zeigt an, mit wie vielen Kindern Männer zwischen 35 und 46 Jahren in Schweizer Großstädten je in den Volkszählungen 1970, 80, 90 und 2000 in einem Haushalt lebten. Man beachte die Unterschiede, z.B. den stabilen Verlauf der jüdischen Demografie (oben, rot) und die durchgängig schwache Performance der Konfessionslosen (unten, schwarz). Klick führt zum Gesamtskript des Vortrages.

- Wie erklärt sich der Effekt?

Etwas vereinfacht ausgedrückt, geht die Demografie längst selbstverständlich davon aus, dass Menschen sich für oder gegen Familie und Kinder abwägend entscheiden. Wer religiös vergemeinschaftet ist, hat in diesem Abwägeprozess transzendente Zusatzargumente "für" Ehe und Kinder, die der säkulare Nachbar nicht hat - und gerade in entscheidungsfreien (!) Verhältnissen werden diese zum Tragen kommen. Die Belege für eine durchschnittlich stärkere Familienorientierung religiöser Menschen sind kaum zu zählen - hier nur beispielhaft ein Item aus einer Allensbach-Befragung.



Letztlich ist der (komplexe) Effekt über den oben genannten Wettbewerb der Religionen, den Friedrich August von Hayek entdeckte und formulierte, einfach zu erklären: es werden sich immer wieder jene religiösen Bewegungen durchsetzen, deren Lehren Anhänger effektiv zu Kinderreichtum motivieren und darin unterstützen (z.B. durch Anerkennung, Betreuungs- und Bildungsangebote etc.).

Auch demografisch fehlgehende Gemeinschaften wird es im Rahmen dieses Wettbewerbs immer wieder geben (z.B. Manichäer, Shaker etc.) - nur werden sie je nur entsprechend kurz überdauern und selten größere Anhängerschaft finden. Der Zusammenhang zwischen Religionen und erfolgreicher Reproduktion ist also (wie Hayek schreibt) "nicht intrinsisch, sondern historisch".

- Aber was ist mit Zölibat und heroischem Scheitern?

Ganz klar erkennbar ist jedoch, dass die Mitgliedschaft in Religionen zwar der Gesamtgemeinschaft höhere Reproduktivität einträgt, nicht aber jedem einzelnen. Viele religiöse Gemeinschaften stellen einige Mitglieder sogar ausdrücklich von der Reproduktion frei (=Zölibat) und in anderen werden Personen verehrt, die sich zugunsten ihrer Mitmenschen aufgeopfert haben (z.B. Christentum). Wie ist das zu erklären?

Ganz einfach: streng genommen bemisst sich der reproduktive Erfolg nicht nur an den eigenen, direkten Nachkommen - die Weitergabe "eigener" Gene kann auch über Verwandte erfolgen (sog. kin-Selection).

Zölibatäre und heroische Opfer verzichten nicht nur auf eigenen Nachwuchs, sondern grenzen sich auch meist von ihren Herkunftsfamilien (mindestens zeitlich) ab - denn sie zeigen ja gerade dadurch Glaubwürdigkeit, dass sie weder eigennützig noch nepotistisch handeln. So können sie umso wirkungsvoller lehren, heilen, Ehen schließen, Streit schlichten, Arme speisen usw. - insofern sich eine Institution entwickelt bzw. entwickelt hat, die entsprechende Segnungen auch der eigenen Verwandschaft angedeihen lässt. Das Dorf entsendet zölibatäre Priester in die weite Welt, erhält aber auch solche zugeteilt - und also profitieren indirekt alle von der Biologie des Zölibats.



Wie jede andere religiöse Tradition unterliegt aber auch das Zölibat den Anforderungen des Wettbewerbs: unter bestimmten Bedingungen hat es sich als (auch) demografisch erfolgreich erwiesen, unter anderen nicht.

- Müsste es, wenn von einer evolutiven Entwicklung ausgegangen wird, nicht noch andere, unabhängig zutreffende Beobachtungen geben?

Neben den passenden, paläoanthropologischen Funden (Auftauchen von Bestattungen vor ca. 100.000 bis 120.000 Jahren mit dann zunehmender Entfaltung komplexer religiöser Formen) gibt es tatsächlich noch eine zweite, empirische Schiene, auf der sich der Religion-Reproduktion-Kausalzusammenhang (nach Granger) belegen lässt.

Denn wenn Religiosität sich als erfolgreich im Rahmen der natürlichen Selektion (d.h. direkten Reproduktions- und Überlebensrate) erwiesen hat, dann müsste sie ggf. auch eine Signalfunktion im Rahmen der sexuellen Selektion gewonnen haben: insbesondere Frauen, für die Geburten mit hohen Kosten und Risiken verbunden sind, müssten religiös "regelkonformen" Männern den Vorzug gegeben haben - und geben.

Und genau das ist der Fall. Auch hier wieder gibt es eine Fülle unabhängiger Bestätigungen (z.B. bei Herwig Birg), die eine durchschnittlich höhere Religiosität unter Frauen aufweisen. Die Auswertung der Schweizer Volkszählung aber ergibt sogar, dass Frauen nicht nur in allen religiösen Kategorien (die mehrheitlich von Geburtsinländern gebildet werden) überdurchschnittlich vertreten sind, sondern auch, dass sie stärker in den Konfessionen zu finden sind, in denen seltener allein gelebt, früher und verbindlicher geheiratet und Kinder meist gemeinsam aufgezogen werden - genau, wie es die Theorie der sexuellen Selektion erwarten ließe.

Sexuelle Selektion in Daten: Frauenanteil an Kirchenmitgliedschaften sowie Konfessionslosigkeit in Bezug zu Anteil Ehen an Paarbeziehungen, Anteil Paaren mit Kindern, Anteil Single-Haushalten und Alleinerziehenden, Schweizer Zensus 2000

Die sprichwörtliche Gretchenfrage (Margarete an Faust: "Sag, wie hälst Du's mit der Religion?") erhält also hier ihre empirische Bestätigung!

Fazit

In der Summe habe ich inzwischen keine Zweifel mehr, dass sich die Evolution von Religiosität und Religionen maßgeblich über Reproduktionsvorteile vollzogen hat - und vollzieht. Zu deutlich scheinen mir die Daten (und übrigens auch die innere Logik des Evolutionsprozesses selbst, der ja biologisch schädliches Verhalten längst abgeschüttelt hätte), um nicht vom empirisch belegten biologischen Erfolg des Glaubens auszugehen.

Dr. Blume

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