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Freitag, 6. Juli 2007

Demografisch-kulturelle Vorurteile gegenüber Wildbeuterkulturen

Auch heute noch begegne ich nach Vorträgen und in Diskussionen zum biologischen Erfolg von Religion gerade auch unter gebildeten Menschen zwei grotesken Vorurteilen im Bezug auf (vergangene und heutige) Jäger-und-Sammler-Kulturen.

1. Diese seien doch noch gar nicht zur Kontrolle von Sexualität und Familienplanung in der Lage, vermehrten sich letztlich ohne Wissen und Vorplanung analog zu Tieren.

2. Dass auch beim Menschen die sexuelle Selektion (wie überall sonst in der Evolution) maßgeblich von Frauen ausgehe, könne man von "rückständigen" Kulturen doch gar nicht annehmen, in denen "Frauen keine Partnerwahl" hätten.

Darwin versus Wallace

Es ist interessant, dass diese Argumentationsstränge bis in die Zeit der Entdeckung der Evolutionstheorie zurück gehen: auch Darwin vertrat sie. Dabei beschlichen ihn durchaus Zweifel, er wußte und schrieb z.B. von Ehegeboten und Kindesaussetzung schon unter "wilden" Völkern und räumt sogar in die "Die Abstammung des Menschen" ein:

„Wenn wir in vielen Theilen der Erde enorme Strecken des fruchtbarsten Landes, Strecken, welche im Stande sind, zahlreiche glückliche Heimstätten zu tragen, nur von einigen herum wandernden Wilden bewohnt sehen, so möchte man wohl zu der Folgerung veranlaßt werden, daß der Kampf um’s Dasein nicht hinreichend heftig gewesen sei, um den Menschen aufwärts auf seine höchste Stufe zu treiben."

Doch am Ende entschied sich Darwin leider dennoch für eine friedensfeindliche Lesart der menschlichen Evolution: Überbevölkerung und Krieg erschienen Darwin nicht nur als Übel, sondern sogar als notwendiges Mittel menschlicher Evolution! - einer der vielleicht folgenreichsten Irrtümer der Wissenschaftsgeschichte, auf den sich fortan (und zum Teil bis heute) allerhand Kriegsbefürworter berufen konnten.

So schrieb Darwin in "Die Abstammung des Menschen":

„Wie jedes andere Thier ist auch der Mensch ohne Zweifel auf seinen gegenwärtigen hohen Zustand durch einen Kampf um die Existenz in Folge seiner rapiden Vervielfältigung gelangt, und wenn er noch höher fortschreiten soll, so muß er einem heftigen Kampf ausgesetzt bleiben. Im andern Fall würde er in Indolenz versinken und die höher begabten Menschen würden im Kampf um das Leben nicht erfolgreicher sein als die weniger begabten. Es darf daher unser natürliches Zunahmeverhältnis, obschon es zu vielen und offenbaren Übeln führt, nicht durch irgend welche Mittel bedeutend verringert werden.“

Ebenso schien es Darwin unvorstellbar, dass die sexuelle Selektion des Menschen maßgeblich von Frauen geprägt würde. Obwohl die ganze, biologische Argumentation auch seiner Beobachtungen und Bücher dafür spricht, wischte er diese Folgerung ebenfalls in "Die Abstammung des Menschen" nach einigem Hin und Her schließlich unwirsch vom Tisch:

„Der Mann ist an Körper und Geist kraftvoller als die Frau, und im wilden Zustande hält er dieselbe in einem viel unterwürfigeren Stande der Knechtschaft, als es das Männchen irgend eines anderen Thieres thut; es ist daher nicht überraschend, dass er das Vermögen der Wahl erlangt hat.“

Man beachte den Zirkelschluss: es wurden die bereits damals bekannten Befunde der Ethnologie eher den Erwartungen angepasst, als umgekehrt. Der "Wilde" musste nach dieser Logik gewalttätig und frauenfeindlich sein - sonst hätte es nach darwinistischer Lesart kaum eine Evolution geben können!

Darwins viel zu wenig bekannter Mit-Entdecker Alfred Russel Wallace plädierte mit besseren biologischen und demografischen Daten dagegen schon vor einhundert Jahren dafür, zwischen der (vorplanenden) Reproduktion des Menschen und der (biologisch stärker determinierten) Fortpflanzung der Tiere zu differenzieren sowie den entscheidenden Beitrag der Frauen zur Evolution des Menschen anzuerkennen und (u.a. durch Bildung und eigenes Einkommen) sogar (als Alternative z.B. zur Eugenik!) zu fördern.

Befunde der modernen Ethnologie

Populäre Vorstellungen von sexuell unwissend-unbeherrschten "Wilden", die ihre Frauen nur als Beutestücke betrachten und behandeln, spuken bis heute durch Köpfe und Medien und werden immer wieder auf andere Kulturen projeziert - werden aber durch die Wissenschaft seit Jahrzehnten klar widerlegt.

Beispiel !Kung San (Buschleute der Kalahari)



So ergaben jahrelange Studien etwa bei den wildbeutenden !Kung San umfangreiches (und wie auch für andere Sapiens stets als hoch interessant erfahrenes) Wissen um Sexualität, sowohl biologische wie technische und pflanzliche Verhütungsmethoden, komplexe Eheregeln (z.B. Stiftung der ersten Ehe durch die Eltern, aber beidseitiges Scheidungsrecht mit der Tendenz zu serieller Monogamie, vereinzelt auch Polygamie) und religiöse Einflüsse sowohl auf reproduktive Entscheidungen (u.a. Götter, die Kinder lieben und nur ungern "verschenken") wie auch auf die Attraktivität der Partner (religiös aktive Männer können sich zu heilkundigen Num-Tänzern ausbilden lassen). Auch Kindesaussetzung bzw. Kindesmord war eine Option, die religiös missbilligt, aber etwa nach "ungeplanten" Schwangerschaften oder Zwillingsgeburten beobachtet wurde. (Man beachte, dass Kleinkinder bei den San nicht nur versorgt, sondern von ihren Müttern auch über oft weite Strecken getragen werden mussten!)

Die Forscher beschrieben (ohne in diese Richtung bewusst zu suchen) sogar demografisch-adaptive Vorteile von Religiosität: San, die sich als Hilfsarbeiter in die Agrarstrukturen umliegender Völker einzugliedern begannen, entwickelten erste Formen politischer und religiöser Hierarchien, Veränderungen der Arbeits- und Güterteilung (auch zwischen den Geschlechtern, Gruppen und Generationen) und höhere Geburtenraten. Wenn die San-Kultur in ihrer bisherigen Form also auch zunehmend verschwindet - biologisch werden die San, so ist zu hoffen, gerade auch aufgrund ihrer religiös-adaptiven Fähigkeiten überleben.

Globaler Überblick

Auch ein globaler Überblick über die noch bestehenden Wildbeuterkulturen der Erde weist in keinem einzigen Fall "wilde" Vermehrungsstrategien und alternativlos-brutale Männerherrschaft als kulturell fundierende Aspekte auf. Vielmehr haben wir es immer und ausnahmslos mit religiös-kulturell regulierten Sexualbeziehungen (sprich: "Ehen"), mit tradiertem Wissen um Sexualität und Verhütung und mit sehr verschiedenen Modellen der Arbeitsteilung und nicht-einseitigen Partnerwahl zwischen Männern und Frauen zu tun. (Übrigens samt komplexer Eheformen und des Coitus interruptus auch schon völlig vorausgesetzt in frühen Überlieferungen der Bibel, z.B. in Genesis 38.)



Seit wann?

Nun mag man natürlich einwenden, dass natürlich auch heutige Wildbeuterkulturen keine "steinzeitlichen Fossilien" sind und wir aus ihrem Lebenswandel allenfalls Hinweise auf das Leben vor einigen Jahrzehntausenden gewinnen können.

Das stimmt - aber wir stehen auch hier nicht völlig ohne Fakten da. So finden wir schon beim späten Homo erectus beispielsweise Jagdplätze und Wurfspeere, die auf hohes Können und auf Vorausplanung hindeuten. Begräbnisse finden wir seit 100.000 bis 120.000 Jahren, also seit der mittleren Altsteinzeit - und dass sowohl Frauen wie Männer und Kinder je sorgsam bestattet wurden, deutet darauf hin, dass es auch hier mindestens egalitäre Elemente gegeben haben dürfte. Und spätestens mit dem Fund von Musik- und Kunst-(Kult-)gegenständen ab etwa 40.000 v.u.Z. dürfen wir von auch kulturell-religiös uns bereits nahestehenden Menschen ausgehen.

Und schließlich ist Darwins Zweifeln Recht zu geben: die Paläoanthropologie kennt keine Befunde, die für mehrmalige Bevölkerungsexplosionen und nachfolgende Massenkriege sprächen - die Menschheit nahm (auch als sie biologisch und technologisch weit fortgeschritten war) bis zur "neolithischen Revolution" nur sehr, sehr langsam zu. Krieg war und ist eine (ggf. vermeidbare) Variante, keinesfalls "Schicksal" und alleinige Triebkraft menschlicher Evolution! Nach heutigem Wissensstand taugen weder die Biologie noch die Religionswissenschaft oder Ethnologie zur Rechtfertigung von Gewalt- oder Eugenikfantasien.

Fazit: Die "Wilden", das sind auch wir

Auch in den Gebieten des fruchtbaren Halbmondes, aus denen wir die frühesten Spuren landwirtschaftlicher Zivilisationen kennen, stehen nur einige hundert Generationen "Agrar- und Industriegesellschaft" mehreren tausend Generationen der Homo Sapiens-Evolution in Wildbeuterkulturen gegenüber. Und gerade auch dort haben sie uns (etwa in Göbekli Tepe) beeindruckende, religiöse Bauwerke hinterlassen, die vor und am Übergang zur Seßhaftwerdung standen!



Auch unsere Zeitgenossen in Wildbeuterkulturen geben uns keinen Anlass, uns pauschal für "bessere" Menschen mit sehr viel "größeren" vorausplanenden, kulturellen oder religiösen Gehirnkapazitäten zu halten. Vielmehr dürfen wir ihnen und auch unseren Vorfahren mindestens der letzten Jahrzehntausende komplexe Kulturen mit Sexual- und Eheregeln, Arbeitsteilung und Partnerwahl sowie religiösen Erfahrungen, Mythen, Riten und religiös begründeten Verhaltensnormen zutrauen.

Ich finde: Wenn wir unser Menschsein besser verstehen wollen, kann uns das genauere Betrachten vergangener und gegenwärtiger Wildbeuterkulturen und das Überwinden "bequemer" Vorurteile noch entscheidend weiter bringen.

Dr. Blume

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