Donnerstag, 5. Juli 2007

Was man mit Wissenschaft und Religion so machen kann...

Seine "Meditationsstudien" haben den Neurologen Andrew Newberg und die sich schon länger entfaltende "Neurotheologie" weltbekannt gemacht.

Auf die Newbergschen Experimente und Thesen (die inzwischen etwas unter Druck geraten sind) möchte ich an anderer Stelle eingehen. Heute geht es mir vielmehr darum, exemplarisch aufzuzeigen, wie sorgsam die wissenschaftliche Vernunft zwischen Intelligent Design und Ultra-Darwinismus verteidigt werden muss.

Denn das Newberg-Buch erschien in Deutschland unter dem Titel Der gedachte Gott. Wie Glauben im Gehirn entsteht mit diesem Cover.

Ein anregender und gut zu lesender Verkaufserfolg in Deutschland. Man beachte aber, wie stark die Übersetzung des Titels vom Englischen ("Why God Won't Go Away." abweicht!

Covergestaltung und Titel legen also dem (eher säkularen, oft religionskritischen) deutschen Publikum nahe, dass es sich bei Gott ggf. "nur" um eine Konstruktion unseres Gehirnes handele.

Bitte betrachten Sie nun das identische Buch in der US-Ausgabe!

Das Newberg-Buch in der US-Ausgabe. Hier wird es eher als Religionsbeweis vermarktet. Beachten Sie zum Vergleich Titel und Cover der deutschen Ausgabe!

Hier steht plötzlich nicht mehr das menschliche Gehirn, sondern der Gottesname im Zentrum. Und der Titel (übersetzt) Warum Gott nicht fortgehen wird. Gehirnforschung und die Biologie des Glaubens verspricht dem (religiösen) US-Publikum eher einen "Gottesbeweis".

Faktisch bezieht Newberg eine mittlere Position: gegen Ende des Buches verlässt er den im engen Sinne wissenschaftlichen Bereich und "verkündet" die Wahrheit eines "Absoluten Einsseins", das der bzw. die Meditierende erfahre. Erfreulicherweise ist er dabei aber ehrlich genug, dies als Glaubenshaltung auszuweisen, die er im Laufe der Forschungen entwickelt habe.

Beobachtung und Bewertung sauber unterscheiden!

Hier machen uns Marketingfachleute beispielhaft vor, wie man mit Wissenschaft "tricksen" kann. Die identischen Befunde, ja, hier sogar das identische Buch können von ganz unterschiedlicher Warte aus interpretiert und bewertet werden. Dem Leser und der Leserin wird je das geboten, was er oder sie bereits lesen (bzw. hören) "will".

Jede(r) aufgeklärte Interessierte sollte daher bei jedem Religions-Wissenschafts-Text (oder Vortrag) unbedingt unterscheiden: was ist wissenschaftlicher Befund (und wie haltbar ist dieser) und was ist weltanschaulich-religiöse Interpretation (und wie glaubwürdig sind diese). Das sind zwei ganz unterschiedliche Ebenen, die man erst dann sinnvoll verknüpfen und diskutieren kann, wenn man sie vorher sauber getrennt hat!

Als Faustregel gilt: wenn Ihnen jemand erzählt, er oder sie könne die Wahrheit oder Unwahrheit der Religion(en) "wissenschaftlich" beweisen oder "wissenschaftlich" widerlegen, haben Sie es entweder mit einem erdgeschichtlich noch nie dagewesenen Genie oder mit einer nicht haltbaren Behauptung zu tun. Bisher galt (und gilt) ausnahmslos Letzteres.

Glaubwürdiger sind dagegen jene Wissenschaftler, die so fähig und ehrlich sind, zwischen ihren wissenschaftlichen Beobachtungen und Thesen einerseits und ihrer Glaubenshaltung und Bewertung andererseits zu unterscheiden, die aber auch keines von beiden verstecken.

Mit diesen macht sowohl das Forschen wie auch das Debattieren Sinn und oft auch Freude. Denn dann geht es wirklich um das "Entdecken" - und nicht darum, die je vorgefasste Meinung durch pseudo-Wissenschaft nachträglich zu rechtfertigen!

Also: lassen wir uns gerade auch auf dem Bereich der Religionsbiologie weder von religiösen noch von atheistischen Fundamentalisten verschaukeln und uns kein X für ein U andrehen. (-:

Meine persönliche Haltung

Mein persönlicher Forschungsschwerpunkt ist die Evolution der Religion, deren Veranlagungen im menschlichen Gehirn (weltweit und ausnahmslos in jeder bekannten Menschenpopulation beobachtbar) sich evolutionslogisch über biologische Vorteile entfaltet haben müssen. Neben gesundheitlichen (salutogenetischen) und gruppenkohäsiven Aspekten (z.B. Zusammenhalt, Vertrauen, auch Kontrolle etc.) ist mein Favorit der Zusammenhang von Kinderreichtum und Religiosität, den ich empirisch untersuche und gerne auch religionsdemografisch diskutiere. Fakt ist: Gerade auch in freien, wohlhabenden und gebildeten Gesellschaften bekommen Menschen in religiösen Gemeinschaften durchschnittlich weit mehr Kinder als Konfessionslose. Wer religiös ist, ist auch heute (durchschnittlich) biologisch klar im Vorteil.

Nur: wie für jede andere menschliche Fähigkeit schließe ich natürlich auch für die Religiosität Fehlentwicklungen nicht aus und bin an den Faktoren interessiert, die Religionen "fehlgehen" lassen (v.a. Bevölkerungsexplosionen, Monopolstrukturen), wie auch an Voraussetzungen, die ein gutes Zusammenleben ermöglichen (v.a. positive und negative Religionsfreiheit, Wettbewerb).

Und wenn ich auch dazu stehe und offenlege, dass ich selbst Christ (und mit einer Muslimin verheiratet) bin, so beharre ich doch auf der Trennung zwischen Wissenschaft (Beobachtung von Fakten) und Glauben (Erfahrung, Bewertung). Die Zusammenarbeit auch mit Andersdenkenden und -glaubenden ist für mich daher ein "Muss".

Aber religiöse Fundamentalisten, die Gott als "Intelligenten Designer" meinen "beweisen" zu können sind mir ebenso suspekt wie sog. "Ultra-Darwinisten" oder auch "Memetiker", die das Label "Wissenschaft" ohne jede seriöse Basis für die Propagierung eines fundamentalistischen Atheismus missbrauchen. Es gibt wirklich genug Blogs, in denen sich diese "Lager" beharken können.

Es wäre mir dagegen Recht, wenn sich Interessierte stattdessen (auch) in diesem Blog wissenschaftlich seriös über die Evolution der Religiosität und Religion(en) austauschen könnten.

Dr. Blume

Religionswissenschaft aus Freude
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