Sonntag, 17. Juni 2007

Die Wiederentdeckung der Stammesreligionen

Die vergangenen Jahrzehnte haben eine weltweite Wiederbelebung und Wiederkehr der Religionen erlebt - einmal aufgrund des Zusammenbruchs ideologisch-atheistischer Systeme, zum anderen aufgrund des demografischen Verfalls säkularer Populationen in allen industrialisierten Gesellschaften.

Neben den großen Weltreligionen haben sich, leiser und bisher weniger medienrelevant, auch viele sogenannten "Stammes-" oder "Naturreligionen" neu belebt. Das wachsende Interesse abendländischer Sinnsucher bildet dabei nur die Spitze des Eisberges, wenn z.B. auch die zunehmende Wiederentdeckung indianischer Vorfahren in den USA zu einer Explosion der Zahl indianischer "Stammesmitglieder" und auch der Neugründung ganzer "Stämme" (mit unterschiedlich belegten, historischen Wurzeln) geführt hat. Eine zweite Quelle von Impulsen geht von den Wissenschaften aus, die frühe Fehler weitgehend überwunden hat, eigene (häufig proto-sozialistische) Erwartungen in andere Völker hineinzuprojizieren und stattdessen zu einem zunehmend vielseitigen und realistischen Bild der Geschichte und Gegenwart der Stammeskulturen beitragen. Auch genetische Forschungen haben dabei eine Fülle neuer und unerwarteter Pfade eröffnet, Verwandschaftsverhältnisse offengelegt und den Respekt vor den Lebens- und Anpassungsleistungen indigener Völker erhöht.

Vor allem aber ist das Selbstbewusstsein überlebender Stämme selbst gewachsen, die in den Demokratien ein wachsendes Mass von Anerkennung und Unterstützung finden. Die Politiken von Verdrängung und Zwangsassimilation werden immer öfter gegen Politiken der Kulturförderung ausgetauscht, auch Länder wie z.B. Taiwan erkennen die Stammesreligionen mit sogar wachsendem Stolz inzwischen als Teil und Bereicherung der eigenen Kultur an. Mit der bezeichnenden Ausnahme von Europa haben Stammeskulturen auf allen Kontinenten überlebt und ihre Religionen gehen fruchtbare Wechselwirkungen mit den umgebenden Weltreligionen ein.

Von den Stammesreligionen lässt sich kulturell und auch religionswissenschaftlich einiges lernen. Sie sind keine Schaukästen vergangener Zeiten, sondern lebendige, kulturelle Systeme in ständiger Bewegung. In diesem Blog möchte ich auch Aspekte und Themen rund um die Stammes- bzw. Naturreligionen dieser Erde immer mal wieder aufgreifen, versuchen, etwas Wissen zu vermitteln und (sowohl idealisierende wie negative) Vorurteilen ein Stück entgegenwirken. Denn das echte Leben erweist sich stets als spannender als unsere Konstruktionen. Für Themenideen bin ich dankbar!

Selbstverständlich kann man heutige Wildbeuter nicht einfach als Überbleibsel des Frühmenschen verstehen - sie sind moderne Homo sapiens mit der biologisch wesentlich gleichen Entwicklungsgeschichte wie alle Menschen. Dennoch kann uns das Verstehen ihrer sozioökonomischen und religiösen Kultur helfen, das Menschsein besser zu verstehen. (Klick führt zu einem anthropologischen Sammelband über die !Kung San.)

Dr. Blume

Religionswissenschaft aus Freude
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Santa Muerte - die Verehrung der "Heiligen Frau Tod" ist in Mexiko populär und greift bis in vorchristliche Religionen zurück. Einerseits im katholischen Gewand, von der offiziellen Kirche aber auch kritisch beäugt und teilweise abgelehnt, ist sie längst zu einer eigenständigen, regionalen Tradition des Umgangs mit dem Tod für die Armen und Gefährdeten geworden, die sich auch auf vorchristliche Religionen zurück führen lässt.

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