Warum die katholische Kirche bis Mitte des 20. Jahrhunderts Rabbiner Gamaliel I. als christlichen Heiligen verehrte
Das Neue Testament, Apostelgeschichte 5,34 ff., berichtet uns von einem besonders weisen Rabbiner, Gamaliel I., dem tatsächlich in der jüdisch-talmudischen Tradition eine große Rolle zukommt. Noch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts wurde Rabbiner Gamaliel als vermeintlich christlicher Heiliger in katholischen Kirchen verehrt, da Paulus ihn in Apg 22,3 als seinen (jüdischen) Lehrer bezeichnet (freilich ohne eine Konversion des Rabbiners zu behaupten), sich vor allem aber viele den Einsatz des Mannes für die Freiheit der frühen Christen gar nicht anders als durch eine "heimliche Konversion" erklären konnten. Warum sonst, so die Überlegung, sollte ein angesehener Rabbiner für die Rechte der ersten Christen eingetreten sein?
Erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts, als auch noch so intensive historisch-theologische Forschung keinerlei Spuren einer Konversion des Gamaliel verzeichnen konnte und sich auch der jüdisch-christliche Dialog zu entfalten begann, wurde anerkannt, dass Gamaliel auch seinen Einsatz für Religionsfreiheit aus jüdischer Weisheit geschöpft hatte. Als christlicher Heiliger kann Rabbiner Gamaliel seitdem nicht mehr geführt werden - ihn zu ehren (wie es die Apostelgeschichte ja ganz offensichtlich tut!) heißt also auch Weisheit in anderen Religionen und vor allem Gamaliels ehrlichen Einsatz für Religionsfreiheit anzuerkennen.
Das Plädoyer für Religionsfreiheit nach Apg. 5,34 ff.
34 Da stand aber im Hohen Rat ein Pharisäer auf mit Namen Gamaliel, ein Schriftgelehrter, vom ganzen Volk in Ehren gehalten, und ließ die Männer für kurze Zeit hinausführen.
35 Und er sprach zu ihnen: Ihr Männer von Israel, seht genau zu, was ihr mit diesen Menschen tun wollt.
36 Denn vor einiger Zeit stand Theudas auf und gab vor, er wäre etwas, und ihm hing eine Anzahl Männer an, etwa vierhundert. Der wurde erschlagen, und alle, die ihm folgten, wurden zerstreut und vernichtet.
37 Danach stand Judas der Galiläer auf in den Tagen der Volkszählung und brachte eine Menge Volk hinter sich zum Aufruhr; und der ist auch umgekommen, und alle, die ihm folgten, wurden zerstreut.
38 Und nun sage ich euch: Laßt ab von diesen Menschen und laßt sie gehen! Ist dies Vorhaben oder dies Werk von Menschen, so wird's untergehen;
39 ist es aber von Gott, so könnt ihr sie nicht vernichten - damit ihr nicht dasteht als solche, die gegen Gott streiten wollen. Da stimmten sie ihm zu
40 und riefen die Apostel herein, ließen sie geißeln und geboten ihnen, sie sollten nicht mehr im Namen Jesu reden, und ließen sie gehen.
41 Sie gingen aber fröhlich von dem Hohen Rat fort, weil sie würdig gewesen waren, um Seines Namens willen Schmach zu leiden,
42 und sie hörten nicht auf, alle Tage im Tempel und hier und dort in den Häusern zu lehren und zu predigen das Evangelium von Jesus Christus.
Bemerkungen aus religionswissenschaftlicher Sicht
Davon abgesehen, dass wir natürlich das genaue Ob und Wie des Ereignisses nicht mehr feststellen können - die Überlieferung weist eine bemerkenswerte und hochmoderne Argumentation auf.
Denn Rabbiner Gamaliel I. tritt hier dafür ein, auch religiösen Neugründungen Entfaltungschance zu gewähren (Vielfalt), weil sich erst im Erfolg ihre göttliche Berufung erweise (Wettbewerb). Wer ehrlich glaube, habe keinen Grund, religiös gegen Vielfalt und Wettbewerb aufzutreten, ja, laufe sogar Gefahr, sich damit gegen Gottes Willen selbst zu stellen.
So nimmt dieser nahezu zwei Jahrtausende alte Text und Argumentationsstrang die Forderung nach Religionsfreiheit gerade auch im (inter-)religiösen Interesse vorweg. Religionstheoretisch wird dieser Zusammenhang heute beispielsweise bei Friedrich August von Hayek, in der Hayek-Frazer-Konvergenz oder auch den politiksoziologischen Überlegungen von Prof. Michael Zöller (Bayreuth) diskutiert: die Warnung vor der schädlichen Wirkung religiöser Monopole - für die betroffenen Gesellschaften und auch für die Religion(en) selbst - wird immer offensichtlicher.
PS: Der religiöse Wettbewerb findet sich übrigens auch im Koran, Sure 5:48:
"Für jeden von euch haben Wir Richtlinien und eine Laufbahn bestimmt. Und wenn Gott gewollt hätte, hätte Er euch zu einer einzigen Gemeinde gemacht. Er wollte euch aber in alledem, was Er euch gegeben hat, auf die Probe stellen. Darum sollt ihr um die guten Dinge wetteifern. Zu Gott werdet ihr allesamt zurückkehren; und dann wird Er euch das kundtun, worüber ihr uneins waret."
Und wer sich bei all dem an Lessings Ringparabel in "Nathan der Weise" erinnert fühlt - im hervorragend recherchierten Lessing-Buch "Vom Streit zum Wettstreit der Religionen" von Prof. Karl-Josef Kuschel (kath. Theologe, Tübingen) lässt sich genau dieser Einfluss nachweisen!
Wir sehen: als weise wird erkannt, wer für Religionsfreiheit und religiösen Wettbewerb eintritt. Es gibt eben noch so viel zu entdecken, auch in den Schriften, die wir bereits zu kennen meinen...
Erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts, als auch noch so intensive historisch-theologische Forschung keinerlei Spuren einer Konversion des Gamaliel verzeichnen konnte und sich auch der jüdisch-christliche Dialog zu entfalten begann, wurde anerkannt, dass Gamaliel auch seinen Einsatz für Religionsfreiheit aus jüdischer Weisheit geschöpft hatte. Als christlicher Heiliger kann Rabbiner Gamaliel seitdem nicht mehr geführt werden - ihn zu ehren (wie es die Apostelgeschichte ja ganz offensichtlich tut!) heißt also auch Weisheit in anderen Religionen und vor allem Gamaliels ehrlichen Einsatz für Religionsfreiheit anzuerkennen.
Das Plädoyer für Religionsfreiheit nach Apg. 5,34 ff.
34 Da stand aber im Hohen Rat ein Pharisäer auf mit Namen Gamaliel, ein Schriftgelehrter, vom ganzen Volk in Ehren gehalten, und ließ die Männer für kurze Zeit hinausführen.
35 Und er sprach zu ihnen: Ihr Männer von Israel, seht genau zu, was ihr mit diesen Menschen tun wollt.
36 Denn vor einiger Zeit stand Theudas auf und gab vor, er wäre etwas, und ihm hing eine Anzahl Männer an, etwa vierhundert. Der wurde erschlagen, und alle, die ihm folgten, wurden zerstreut und vernichtet.
37 Danach stand Judas der Galiläer auf in den Tagen der Volkszählung und brachte eine Menge Volk hinter sich zum Aufruhr; und der ist auch umgekommen, und alle, die ihm folgten, wurden zerstreut.
38 Und nun sage ich euch: Laßt ab von diesen Menschen und laßt sie gehen! Ist dies Vorhaben oder dies Werk von Menschen, so wird's untergehen;
39 ist es aber von Gott, so könnt ihr sie nicht vernichten - damit ihr nicht dasteht als solche, die gegen Gott streiten wollen. Da stimmten sie ihm zu
40 und riefen die Apostel herein, ließen sie geißeln und geboten ihnen, sie sollten nicht mehr im Namen Jesu reden, und ließen sie gehen.
41 Sie gingen aber fröhlich von dem Hohen Rat fort, weil sie würdig gewesen waren, um Seines Namens willen Schmach zu leiden,
42 und sie hörten nicht auf, alle Tage im Tempel und hier und dort in den Häusern zu lehren und zu predigen das Evangelium von Jesus Christus.
Bemerkungen aus religionswissenschaftlicher Sicht
Davon abgesehen, dass wir natürlich das genaue Ob und Wie des Ereignisses nicht mehr feststellen können - die Überlieferung weist eine bemerkenswerte und hochmoderne Argumentation auf.
Denn Rabbiner Gamaliel I. tritt hier dafür ein, auch religiösen Neugründungen Entfaltungschance zu gewähren (Vielfalt), weil sich erst im Erfolg ihre göttliche Berufung erweise (Wettbewerb). Wer ehrlich glaube, habe keinen Grund, religiös gegen Vielfalt und Wettbewerb aufzutreten, ja, laufe sogar Gefahr, sich damit gegen Gottes Willen selbst zu stellen.
So nimmt dieser nahezu zwei Jahrtausende alte Text und Argumentationsstrang die Forderung nach Religionsfreiheit gerade auch im (inter-)religiösen Interesse vorweg. Religionstheoretisch wird dieser Zusammenhang heute beispielsweise bei Friedrich August von Hayek, in der Hayek-Frazer-Konvergenz oder auch den politiksoziologischen Überlegungen von Prof. Michael Zöller (Bayreuth) diskutiert: die Warnung vor der schädlichen Wirkung religiöser Monopole - für die betroffenen Gesellschaften und auch für die Religion(en) selbst - wird immer offensichtlicher.
PS: Der religiöse Wettbewerb findet sich übrigens auch im Koran, Sure 5:48:
"Für jeden von euch haben Wir Richtlinien und eine Laufbahn bestimmt. Und wenn Gott gewollt hätte, hätte Er euch zu einer einzigen Gemeinde gemacht. Er wollte euch aber in alledem, was Er euch gegeben hat, auf die Probe stellen. Darum sollt ihr um die guten Dinge wetteifern. Zu Gott werdet ihr allesamt zurückkehren; und dann wird Er euch das kundtun, worüber ihr uneins waret."
Und wer sich bei all dem an Lessings Ringparabel in "Nathan der Weise" erinnert fühlt - im hervorragend recherchierten Lessing-Buch "Vom Streit zum Wettstreit der Religionen" von Prof. Karl-Josef Kuschel (kath. Theologe, Tübingen) lässt sich genau dieser Einfluss nachweisen!
Wir sehen: als weise wird erkannt, wer für Religionsfreiheit und religiösen Wettbewerb eintritt. Es gibt eben noch so viel zu entdecken, auch in den Schriften, die wir bereits zu kennen meinen...
blume-religionswissenschaft - 15. Jun, 20:10
0 Kommentare - Kommentar verfassen - 0 Trackbacks


