Worin besteht die Hayek-Frazer-Konvergenz?
Um 1909 erschien ein besonders berühmter Vortrag des Religionsethnologen Sir James Frazer, der eigentlich stets von der Überlegenheit des rationalen über das religiöse Denken überzeugt war. In "Psyche's Task" aber stellte er anhand ethnologischer Befunde vor allem aus dem Bereich der Naturreligionen dar, wie überraschend häufig "Aberglaube" doch sinnvolle Instutionen und Werthaltungen im Bereich der Menschenrechte, der Regierung, des Privateigentums und Familienlebens stützte. Ein Erklärung dazu hatte er seinerzeit noch nicht.
Zum Download von Psyche's Task hier.
Pfingsten 1982 sprach der Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek anläßlich eines Symposiums im Schloß Kellheim über "Die überschätzte Vernunft". Dabei zeigte er auf, dass sich menschliche Institutionen und Werthaltungen nicht per zentralem Plan entfalteten, sondern immer wieder über Vielfalt und Wettbewerb im Rahmen der Entscheidungen unzähliger Menschen. An seinen Text fügte er noch einige ausführliche Überlegungen zur besonderen Rolle der Religionen (und des Wettbewerbs der Religionen) zur Entfaltung und Legitimierung solchen "überrationalen" Wissens und des aus ihm erwachsenen "reproduktiven Vorteils" hinzu.
Der erweiterte Vortrag erschien in diesem Sammelband:
Einige Jahre später widmete von Hayek das letzte Kapitel seines letzten Buches ("Religion and the Guardians of Tradition" in "The Fatal Conceit") noch einmal diesem Thema. Kurz vor Drucklegung wurde er auf Frazer's "Psyche's Task" hingewiesen - und fügte noch schnell einen begeisterten Anhang hinzu, in dem er schrieb, am liebsten "alle 84 Seiten" des Frazerschen Textes als Bestätigung seiner eigenen Vermutungen abgedruckt zu haben.
Wo sich Religionswissenschaft und Ökonomie begegnen
Denn hier zeigt sich die Konvergenz der beiden großen Denker: Sir Frazer hatte religionsethnologische Beobachtungen gesammelt, für diese aber keine rechte Erklärung. Von Hayek hatte nun (und völlig ohne Wissen von ihm) die Theorie entwickelt, die diese Befunde genau erklärte.
Dabei war von Hayek in erster Linie Ökonom und nicht primär mit Fragen der Familie und Demografie befasst. Aber ihm war völlig klar, dass sich im (biologischen, bis zu einem hohen Grade aber auch kulturellen) Evolutionsprozess immer wieder jene "symbolischen Wahrheiten" durchsetzen würden, die ihren Anhängern einen (wörtlich) "reproductive advantage", einen reproduktiven Vorteil, verschafften.
So ist zum Zusammenleben einer großen Zahl von Menschen eine "erweiterte Ordnung" notwendig, für die Rechtsnormen, Regierungsformen und eine Wirtschaftsordnung erforderlich sind. Diese werden aber nicht von einzelnen geplant, sondern erwachsen aus einem Wettbewerb der Quellen und werden dabei auch religiös legitimiert und gelehrt (und dann besonders wirksam). Von besonderer Bedeutung sind darüber hinaus auch die Werte und Regeln rund um Familie, Ehe und Kinder - die natürlich direkt den reproduktiven Vorteil bestimmen.
Religionen werden also dann rechtlich, politisch, wirtschaftlich und demografisch lebensfördernde Wirkungen erzielen, wenn sie einem fairen Wettbewerb ausgesetzt bleiben. Monopol- bzw. Kartellbildungen führen dagegen nicht nur zu Machtmissbrauch, sondern vor allem dazu, dass die Anpassungen auf frühere Lebenswelten (z.B. Regierungsformen, Familienmodelle etc.) viel zu lange durchgesetzt werden - und also zunehmend schädlich-repressive Wirkungen entfalten. Insofern wirken die "Verfallserscheinungen" politischer, wirtschaftlicher und religiöser Monopole bzw. Kartelle gleichermaßen verheerend und Hayek erkennt, dass die katastrophale, religionsfeindliche Haltung der "kontinentalen Liberalen" damit zusammenhängt, dass sie Religion(en) lange von ihrer schlechtesten Seite -als Monopole- kennengelernt haben. (Der Ökonom vergleiche dieses Vorurteil z.B. mit jenem von Marktkritikern, die als "Unternehmer" auch nicht aufstrebende und innovative Gründer und Betreiber von Klein- und Mittelbetriebe erkennen, sondern nur Manager verwöhnter Monopolkonzerne, die ihre längst auch politische Macht zur Verhinderung fairen Handels und Wettbewerbs mißbrauchen!)
Historisch und empirisch bewertbar
Den eigentlichen Reiz der Hayek-Frazer-Konvergenz aber macht nicht nur die theoretische Stärke aus - die Annahmen lassen sich auch historisch und empirisch überprüfen. Gab es tatsächlich eine evolutive Entfaltung von Religion, als der Frühmensch auch über seine Reproduktion zu entscheiden lernte? Sind vorschriftliche Naturreligionen tatsächlich auch "überrational" ihrer jeweiligen Lebenswelt angepasst? Gibt es einen Zusammenhang zwischen staatlich-religiösen Monopolen und dem Verlust an auch politischen und wirtschaftlichen Freiheiten? Und umgekehrt: entwickeln sich religiös vielfältige Demokratien dynamischer? Und schließlich: gibt es einen Zusammenhang zwischen Religion und Demografie?
Lassen Sie mich zum Abschluss nur an der letzten Frage aufzeigen, dass die Konvergenz zwischen Religionswissenschaft und Ökonomie sich von Neuem anbahnt. So finden Sie im folgenden Daten einer religionswissenschaftlichen Religion-Demografie-Untersuchung von mir, Sven Graupner und Carsten Ramsel:

Vor wenigen Wochen veröffentlichte das Institut der deutschen Wirtschaft, Köln, eigenständig erhobene Daten auf Basis des World Value Survey:

Die Konvergenz der Befunde ließe sich bereits fast endlos fortsetzen - und es steht zu hoffen, dass sich Menschen verschiedenster Fächer zur überprüfenden Vertiefung der Hayek-Frazer-Konvergenz zusammentun. Hätten Sie Lust?
Und, wer weiß, vielleicht feiern ja Ökonomen und Religionswissenschaftler den 100sten Jahrestag von "Psyche's Task" in 2009 sogar bereits gemeinsam? Für alle Beteiligten, und ggf. auch für die Wertschätzung der Fächer, könnte dies doch ein denkwürdiger Anlass sein! (-:
Das Thema als "Weisheit aus Aberglauben - Die Frazer-Hayek-Konvergenz" jetzt auch in den Wissenslogs:
Zum Download von Psyche's Task hier.
Pfingsten 1982 sprach der Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek anläßlich eines Symposiums im Schloß Kellheim über "Die überschätzte Vernunft". Dabei zeigte er auf, dass sich menschliche Institutionen und Werthaltungen nicht per zentralem Plan entfalteten, sondern immer wieder über Vielfalt und Wettbewerb im Rahmen der Entscheidungen unzähliger Menschen. An seinen Text fügte er noch einige ausführliche Überlegungen zur besonderen Rolle der Religionen (und des Wettbewerbs der Religionen) zur Entfaltung und Legitimierung solchen "überrationalen" Wissens und des aus ihm erwachsenen "reproduktiven Vorteils" hinzu.
Der erweiterte Vortrag erschien in diesem Sammelband:
Einige Jahre später widmete von Hayek das letzte Kapitel seines letzten Buches ("Religion and the Guardians of Tradition" in "The Fatal Conceit") noch einmal diesem Thema. Kurz vor Drucklegung wurde er auf Frazer's "Psyche's Task" hingewiesen - und fügte noch schnell einen begeisterten Anhang hinzu, in dem er schrieb, am liebsten "alle 84 Seiten" des Frazerschen Textes als Bestätigung seiner eigenen Vermutungen abgedruckt zu haben.
Wo sich Religionswissenschaft und Ökonomie begegnen
Denn hier zeigt sich die Konvergenz der beiden großen Denker: Sir Frazer hatte religionsethnologische Beobachtungen gesammelt, für diese aber keine rechte Erklärung. Von Hayek hatte nun (und völlig ohne Wissen von ihm) die Theorie entwickelt, die diese Befunde genau erklärte.
Dabei war von Hayek in erster Linie Ökonom und nicht primär mit Fragen der Familie und Demografie befasst. Aber ihm war völlig klar, dass sich im (biologischen, bis zu einem hohen Grade aber auch kulturellen) Evolutionsprozess immer wieder jene "symbolischen Wahrheiten" durchsetzen würden, die ihren Anhängern einen (wörtlich) "reproductive advantage", einen reproduktiven Vorteil, verschafften.
So ist zum Zusammenleben einer großen Zahl von Menschen eine "erweiterte Ordnung" notwendig, für die Rechtsnormen, Regierungsformen und eine Wirtschaftsordnung erforderlich sind. Diese werden aber nicht von einzelnen geplant, sondern erwachsen aus einem Wettbewerb der Quellen und werden dabei auch religiös legitimiert und gelehrt (und dann besonders wirksam). Von besonderer Bedeutung sind darüber hinaus auch die Werte und Regeln rund um Familie, Ehe und Kinder - die natürlich direkt den reproduktiven Vorteil bestimmen.
Religionen werden also dann rechtlich, politisch, wirtschaftlich und demografisch lebensfördernde Wirkungen erzielen, wenn sie einem fairen Wettbewerb ausgesetzt bleiben. Monopol- bzw. Kartellbildungen führen dagegen nicht nur zu Machtmissbrauch, sondern vor allem dazu, dass die Anpassungen auf frühere Lebenswelten (z.B. Regierungsformen, Familienmodelle etc.) viel zu lange durchgesetzt werden - und also zunehmend schädlich-repressive Wirkungen entfalten. Insofern wirken die "Verfallserscheinungen" politischer, wirtschaftlicher und religiöser Monopole bzw. Kartelle gleichermaßen verheerend und Hayek erkennt, dass die katastrophale, religionsfeindliche Haltung der "kontinentalen Liberalen" damit zusammenhängt, dass sie Religion(en) lange von ihrer schlechtesten Seite -als Monopole- kennengelernt haben. (Der Ökonom vergleiche dieses Vorurteil z.B. mit jenem von Marktkritikern, die als "Unternehmer" auch nicht aufstrebende und innovative Gründer und Betreiber von Klein- und Mittelbetriebe erkennen, sondern nur Manager verwöhnter Monopolkonzerne, die ihre längst auch politische Macht zur Verhinderung fairen Handels und Wettbewerbs mißbrauchen!)
Historisch und empirisch bewertbar
Den eigentlichen Reiz der Hayek-Frazer-Konvergenz aber macht nicht nur die theoretische Stärke aus - die Annahmen lassen sich auch historisch und empirisch überprüfen. Gab es tatsächlich eine evolutive Entfaltung von Religion, als der Frühmensch auch über seine Reproduktion zu entscheiden lernte? Sind vorschriftliche Naturreligionen tatsächlich auch "überrational" ihrer jeweiligen Lebenswelt angepasst? Gibt es einen Zusammenhang zwischen staatlich-religiösen Monopolen und dem Verlust an auch politischen und wirtschaftlichen Freiheiten? Und umgekehrt: entwickeln sich religiös vielfältige Demokratien dynamischer? Und schließlich: gibt es einen Zusammenhang zwischen Religion und Demografie?
Lassen Sie mich zum Abschluss nur an der letzten Frage aufzeigen, dass die Konvergenz zwischen Religionswissenschaft und Ökonomie sich von Neuem anbahnt. So finden Sie im folgenden Daten einer religionswissenschaftlichen Religion-Demografie-Untersuchung von mir, Sven Graupner und Carsten Ramsel:

Vor wenigen Wochen veröffentlichte das Institut der deutschen Wirtschaft, Köln, eigenständig erhobene Daten auf Basis des World Value Survey:

Die Konvergenz der Befunde ließe sich bereits fast endlos fortsetzen - und es steht zu hoffen, dass sich Menschen verschiedenster Fächer zur überprüfenden Vertiefung der Hayek-Frazer-Konvergenz zusammentun. Hätten Sie Lust?
Und, wer weiß, vielleicht feiern ja Ökonomen und Religionswissenschaftler den 100sten Jahrestag von "Psyche's Task" in 2009 sogar bereits gemeinsam? Für alle Beteiligten, und ggf. auch für die Wertschätzung der Fächer, könnte dies doch ein denkwürdiger Anlass sein! (-:
Das Thema als "Weisheit aus Aberglauben - Die Frazer-Hayek-Konvergenz" jetzt auch in den Wissenslogs:
blume-religionswissenschaft - 13. Jun, 19:12
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