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Sonntag, 13. Mai 2007

Alfred Russel Wallace und die Macht der Mütter

Alfred Russel Wallace - der (oft verkannte) Mitentdecker der Evolutionstheorie. Klick führt zum Wikipedia-Artikel.
Der heutige Muttertag bietet eine schöne Gelegenheit, an den fast vergessenen Mitentdecker des Evolutionsprinzips, Alfred Russel Wallace (1823-1913) zu erinnern - der (seiner Zeit weit voraus), die Evolutionsgeschichte und Zukunft der Menschheit wesentlich als Ergebnis der "female choice" (sog. Damenwahl) erkannte, die auch bereits Darwin als wichtige Evolutionsdynamik der "sexuellen Selektion" beschrieben hatte. Entsprechend beschrieb Wallace nicht, wie die meisten Evolutionstheoretiker seiner Zeit, den rücksichtslosen Krieger als Zukunftsbild des Menschen, sondern setzte klar auf die "Women of the Future (Interview 1893)": gebildete, freie und wirtschaftlich unabhängige Frauen, die endlich (wieder) in der Lage sein sollten, sich ihre Partner selbst auszusuchen und sich frei für oder gegen Kinder zu entscheiden. Entsprechend entschieden unterstützte er die frühe Frauenbewegung in ihrem Eintreten für Wahlrecht, Bildung und Frieden.

Seiner Zeit war Wallace damit weit voraus - ebenso wie in seiner Zurückweisung des Malthusianismus, demzufolge sich die Menschheit unaufhaltsam vermehre und also Kampf um knappe Ressourcen unausweichlich sei. Wallace erkannte diese (damals wie heute wissenschaftlich klar widerlegte, aber immer noch von vielen geglaubte) Position "als die größte Täuschung von allen (Interview 1912)" und stellte sich hartnäckig gegen diejenigen, die die Evolutionstheorie für die Rechtfertigung von Krieg, Völkerhass und Eugenik mißbrauchten. Stattdessen plädierte er noch 1912, kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges, dafür, durch die Förderung von Demokratie, Gleichberechtigung, Bildung und Wohlstand die allgemeinen Geburtenzahlen zu senken und den Frieden zu sichern.

Schließlich erkannte er weitblickend die unterschätzte Rolle der Religion auch im Evolutionsgeschehen des Menschen - versuchte ihr jedoch mit "spiritualistischen" Experimenten und transzendenten Überlegungen beizukommen, was es seinen Gegnern (bis heute) sehr erleichterte, ihn zu verspotten und auszugrenzen. Dass er seine Überzeugungen zunehmend in Plädoyers für "christlichen Sozialismus" bündelte, marginalisierte ihn lange ebenso und dass er heute auch noch von Vertretern des "Intelligent Design"-Kreationismus als vermeintliche Galionsfigur mißbraucht wird, schadet seiner Reputation weiter.

Wallace vor einer Wiederentdeckung?

Allerdings sprechen eine Vielzahl jüngerer Entwicklungen dafür, dass Wallace doch noch die Wiederentdeckung und faire Würdigung erfahren könnte, die ihm längst zustünde. Die Rolle der Religion in der Evolutionsgeschichte des Menschen ist längst neu in den Blickpunkt geraten. Und wenn auch Wallace's Klärungsversuche ihn aus dem Kernbereich der empirischen Wissenschaften führten, so lag er in der Grundthese doch richtig: Religiosität beeinflußt das Evolutionsgeschehen des Menschen.

In Fragen der Demografie gilt Malthus als widerlegt - und damit hatte (auch) in dieser Frage also nicht Darwin (der Malthus folgte und damit ungewollt Sozialdarwinisten legitimierte), sondern Wallace Recht. Und die entscheidende Rolle der Frauen und ihrer Partnerwahl in der Evolution des Menschen und seiner Religiosität belegen auch heutige, empirische Daten (siehe "Die Gretchenfrage" (S. 17-20)).

Sexuelle Selektion in Daten: Frauenanteil an Kirchenmitgliedschaften sowie Konfessionslosigkeit in Bezug zu Anteil Ehen an Paarbeziehungen, Anteil Paaren mit Kindern, Anteil Single-Haushalten und Alleinerziehenden, Schweizer Zensus 2000

Mr. Wallace - auch wenn Charles Darwin die öffentlichen Erinnerungen dominiert, ich bin längst ein Fan Ihrer Leistungen und vor allem Ihres Engagements für Wissenschaft, Demokratie, Gleichberechtigung - und Frieden! Vor allem aber hoffe ich, dass sich gerade auch heute wieder Wissenschaftler von Ihrer originellen und in einigen Aspekten Darwin überlegenen Lesart des Evolutionsgeschehens anregen lassen!

Dr. Blume

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Weltweit (hier an Daten des World Value Survey in inzwischen 82 Nationen ausgewertet) besteht ein enger Zusammenhang zwischen religiöser Praxis und Geburtenhäufigkeit. Sowohl in Deutschland (rot) wie weltweit (schwarz) haben religiös praktizierende Menschen durchschnittlich mehr Kinder - und damit, biologisch gesehen, mehr evolutive Fitness.

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