Montag, 7. Mai 2007

Es gibt fundamentalistische und nicht-fundamentalistische Religionen!? - Falsch!

Titelzeilte "Religiöse Identität und Fundamentalismus", aus Heft 53 von Deutschland und Europa, S. 20 - 27. Per Klick zum Download.

Nachdem ich gestern nach längerer Pause wieder einmal ein Schimpfmail eines Kreationisten erhielt, der es schlicht empörend fand, Religion(en) und Evolutionsforschung für vereinbar zu halten, widme ich mich heute dem Phänomen "Fundamentalismus".

In der Alltagssprache ist dieser Begriff nicht selten zu einem Unterscheidungsmerkmal "von" Religionen geworden - und nicht wenige unterscheiden also "fundamentalistische Religionen" (meist den Islam, manchmal die katholische Kirche etc.) von "nichtfundamentalistischen Religionen" (meist z.B. der mutmaßlich stets friedliche und tolerante Buddhismus).

Aus religionswissenschaftlicher Perspektive beschreibt Fundamentalismus aber Bewegungen in Religionen - und zwar nachweisbar in allen Weltreligionen zu finden.

Was sind die Merkmale des Fundamentalismus?

Historisch geht die Bezeichnung auf eine protestantische Bewegung zurück, die sich nach einer Buchreihe ("The Fundamentals" von 1910 - 1915) "The Fundamentalists" nannten und gegen liberalere Theologen, Aufklärung und Evolutionstheorie angingen, indem sie auf die wortwörtliche Geltung ihrer Interpretation der Bibel verwiesen. Ein Teil des o.g. Missverständnisses besteht z.B. darin, dass von hier aus argumentiert wurde, ein Muslim sei damit per se "Fundamentalist" - gelte doch der Koran als wortwörtliches Gotteswort.

Aber der feine Unterschied ist ein anderer: auch wer von einer wortwörtlichen Offenbarung der jeweiligen Heiligen Schrift ausgeht, kann dennoch (demütig) anerkennen, dass das eigene Wissen und die eigene Interpretationskompetenz nur vorläufig sind - und also andere Interpretationen achten. Denken wir z.B. daran, dass sich bereits im klassischen Islam unterschiedliche Rechtsschulen entwickelten, die ihre Auslegungen im Regelfall wechselseitig achteten. Auch halten sehr viele glaubende Muslime ihre Religion für mit wissenschaftlichen Erkenntnissen (einschließlich der Evolution) voll vereinbar. (Siehe z.B. ein Interview dazu in islam.de). Umgekehrt kann auch ein säkulares Buch (z.B. Marxens "Kapital") und eine vorgeblich rationalistische Lehre vermeintlich unfehlbar ausgelegt werden und "Abweichung" von der "reinen Lehre" fundamentalistisch oder gar extremistisch verfolgt werden.

Fundamentalistische Gruppen halten also ihre jeweilige Interpretation der religiösen (oder auch weltanschaulichen) Inhalte für die direkte und vermeintlich einzig mögliche Wahrheit. Und weder christliche, noch islamische, jüdische, buddhistische, sozialistische usw. Fundamentalisten haben dabei untereinander je Konsens gewinnen können, "welche" denn nun die einzig gültige Auslegung sei - denn faktisch entwickeln sie natürlich auch anhand identischer Texte dennoch eine Vielzahl verschiedener "Wahrheiten". Während Fundamentalisten meist laut die "Einheit" auf den "klaren Grundlagen" fordern, führen sie faktisch regelmäßig eine Fülle von Abspaltungen und Neugründungen herbei...

Ist der Fundamentalismus rückwartsgewandt?

Der zweite Teil des populären Irrtums besteht darin anzunehmen, dass Fundamentalisten beispielsweise "zurück ins Mittelalter" wollten. Auch das ist so nicht richtig. Zwar berufen sich Fundamentalisten regelmäßig auf vermeintlich "goldene Zeiten" der Vergangenheit sowie auf (diesseitige und jenseitige) Visionen für eine "goldene Zukunft". Fundamentalistische Bewegungen erweisen sich gerade darin aber als Antworten auf Modernisierungsprozesse, in denen sich Menschen entwurzelt fühlen. Deswegen finden Sie beispielsweise neuhinduistisch-fundamentalistische Gemeinschaften sehr viel seltener in indischen Dörfern als vielmehr in genau den Großstädten, in denen eine starke, wirtschaftliche Entwicklung die Traditionen zermahlt und verunsicherte Menschen einschließlich aufsteigender, nach Orientierung suchender Mittel- und Oberschichten generiert.

Daher ist der Fundamentalismus auch nicht einfach "dumm", sondern bindet die Anhänger in feste Strukturen ein, in denen Identitätskrisen bewältigt, stabile Familien gegründet und der wirtschaftliche Aufstieg gemeistert werden können. Fundamentalismus ist eine häufig psychologisch, demografisch und wirtschaftlich erfolgreiche Antwort auf die Moderne! Allerdings belasten Fundamentalismen mit ihren Maximalforderungen oft das gesellschaftliche Klima und es besteht die Gefahr, dass einige Fundamentalisten in Milieus des gewaltbereiten Extremismus abdriften - man denke an islamistische Terroristen, die christlichen Mörder von Abtreibungsärzten, jüdisch-nationalreligiöse Siedler, buddhistische Ultras in Sri Lanka, marxistische Zellen usw.

Wenn Sie wollen...

Im neuen Deutschland-und-Europa-Heft der LZfpB finden Sie eine Menge Artikel rund um "Identitätskonflikte in Europa" und auch einen ausführlicheren Beitrag von mir zum Thema.

Titelzeilte "Religiöse Identität und Fundamentalismus", aus Heft 53 von Deutschland und Europa, S. 20 - 27. Per Klick zum Download.

Dr. Blume

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