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Dienstag, 9. Januar 2007

Alle Religionen beanspruchen das alleinige Heil!? - Falsch!

"Religionen können kaum in Frieden miteinander leben. Denn sie beanspruchen jeweils, dass alle Andersglaubenden in die Hölle kommen." - So und ähnlich lautet ein populärer (und schädlicher) Irrtum.

In Wirklichkeit kommt der sogenannte "Heilsexklusivismus" -also der Anspruch, die eigene Gemeinschaft verfüge "exklusiv" über den Zugang zum Paradies, zur Erleuchtung o.ä.- zwar in Strömungen aller Weltreligionen vor, bildet jedoch im Regelfall eine Minderheitenposition. Entwickelte Religionsgemeinschaften tendieren dagegen zum "Heilsinklusivismus", der für die eigene Gemeinschaft einen Vorrang beansprucht, anderen aber Gutes, Wahres und Chancen auf das Heil (Paradies, Erleuchtung o.ä.) nicht abspricht.

So kennt das Judentum die "Noachidischen Gebote" (nach Gen 9 f.), einen Verhaltenskanon, dessen bewusste oder auch unbewusste Einhaltung auch Nichtjuden "Anteil an der kommenden Welt" verspricht.



Die meisten jüdischen Gemeinschaften missionieren daher nicht und Beitrittsinteressenten werden sogar explizit auf die "Noachidischen Gebote" hingewiesen - und darauf, dass es eben nach jüdisch-biblischem Glauben "nicht" nötig ist, zum Judentum zu konvertieren, um bei Gott zu bestehen. Große und großherzige Lehrer des Judentums wie Maimonides, Yehudah Halevi oder Rabbi HaMeiri (12- 14.Jht.) konnten daher Christentum und Islam ausdrücklich als Wege zu Gott anerkennen, Rabbi Jacob Emden am Ende des 18.Jhts. das Christentum gar als "eine Gemeinschaft um des Himmels willen" bezeichnen - trotz der furchtbaren Gräuel (Kreuzzüge, Pogrome, Massaker, Zwangstaufen), die insbesondere Christen Juden über Jahrhunderte hinweg zugefügt hatten. Mit der im Jahre 2000 christlicher Zeitrechnung veröffentlichten Erklärung "Dabru emet - Redet Wahrheit" haben jüdische Gelehrte aller großen Strömungen auch nach der Shoa an diese große Tradition der Anerkennung auch anderer Religionen angeknüpft.

Auch der Islam benennt ausdrücklich Heilsmöglichkeiten für Gottesglaubende anderer Religionen, z.B. in der Koransure 2,62 (siehe auch 5, 69): „Diejenigen, die glauben, die dem Judentum angehören und die Christen und die Sabäer, die an Gott und den Jüngsten Tag glauben und tun, was recht ist, denen steht bei ihrem Herrn ihr Lohn zu und sie haben nichts zu befürchten und sie werden nicht traurig sein.“

So konnten in islamischen Ländern religiöse Minderheiten zwar meist keine Gleichberechtigung, aber meist doch eine gewisse, auch Jahrhunderte überdauernde Duldung erhalten. Mit dem Aufstieg von Nationalismus und Islamismus (z.B. auch dem in Saudi-Arabien beheimateten, auch gegenüber anderen Muslimen heilsexklusiven Wahhabismus) in vielen islamischen Gesellschaften wird diese islamisch-koranische Toleranz leider heute in Frage gestellt - in den meisten islamisch geprägten Ländern sind religiöse Minderheiten heute Verschwörungstheorien, Diskriminierungen und teilweise Verfolgungen ausgesetzt.

In Hinduismus, Buddhismus und unter Sikhs und Bahai dominieren dagegen weiterhin heilsinklusive Haltungen: andere Religionen werden als (ggf. durchaus achtenswerte) Vorformen des eigenen, reineren Glaubens aufgefasst.

Insbesondere der Hinduismus hat sich dabei als außerordentlich erfolgreich erwiesen, andere Religionsgemeinschaften in sich aufzunehmen und aufzulösen, was (neben der Ausbreitung des Islam) zum zeitweiligen Erlöschen des Buddhismus in Indien beitrug - hinduistische Bewegungen interpretierten den Buddha z.B. als Avatar Vishnus und lösten die Unterschiede auf.

Der Buddhismus wurde und wird weltweit häufig mit Elementen anderer Religionen verknüpft und nimmt so je kulturspezifische Formen an, etwa in Tibet (mit Bön), China (mit Taoismus) und Japan (mit Shintoismus).

Auch im Christentum hat der Heilsexklusivismus keine Mehrheit mehr. Die langjährige Maxim "Außerhalb der Kirche kein Heil" (z.B. katholisches Konzil von Florenz 1442) wurde im 2. Vatikanischen Konzil (Rom 1962-65) in der Erklärung zu den nichtchristlichen Religionen Nostra Aetate und vor allem in der dogmatischen Konstitution Lumen Gentium so (um-)interpretiert, dass andere Christen, Juden, Muslime, Anders- und sogar Nichtglaubende auf die Kirche "hingeordnet" verstanden werden können.

So heißt es in Lumen Gentium, Kapitel 16, über Nichtchristen:

Diejenigen endlich, die das Evangelium noch nicht empfangen haben, sind auf das Gottesvolk auf verschiedene Weise hingeordnet. In erster Linie jenes Volk, dem der Bund und die Verheißungen gegeben worden sind und aus dem Christus dem Fleische nach geboren ist (vgl. Röm 9,4-5), dieses seiner Erwählung nach um der Väter willen so teure Volk: die Gaben und Berufung Gottes nämlich sind ohne Reue (vgl. Röm 11,28-29). Der Heilswille umfaßt aber auch die, welche den Schöpfer anerkennen, unter ihnen besonders die Muslim, die sich zum Glauben Abrahams bekennen und mit uns den einen Gott anbeten, den barmherzigen, der die Menschen am Jüngsten Tag richten wird. Aber auch den anderen, die in Schatten und Bildern den unbekannten Gott suchen, auch solchen ist Gott nicht ferne, da er allen Leben und Atem und alles gibt (vgl. Apg 17,25-28) und als Erlöser will, daß alle Menschen gerettet werden (vgl. 1 Tim 2,4). Wer nämlich das Evangelium Christi und seine Kirche ohne Schuld nicht kennt, Gott aber aus ehrlichem Herzen sucht, seinen im Anruf des Gewissens erkannten Willen unter dem Einfluß der Gnade in der Tat zu erfüllen trachtet, kann das ewige Heil erlangen. Die göttliche Vorsehung verweigert auch denen das zum Heil Notwendige nicht, die ohne Schuld noch nicht zur ausdrücklichen Anerkennung Gottes gekommen sind, jedoch, nicht ohne die göttliche Gnade, ein rechtes Leben zu führen sich bemühen. Was sich nämlich an Gutem und Wahrem bei ihnen findet, wird von der Kirche als Vorbereitung für die Frohbotschaft und als Gabe dessen geschätzt, der jeden Menschen erleuchtet, damit er schließlich das Leben habe.

Auch die meisten orthodoxen und viele evangelische Kirchen sowie demografisch erfolgreiche Gemeinschaften wie die christlichen Amish haben ein pragmatisches Heilsverständnis entwickelt, ohne ihre je eigene Identität dabei aufzugeben. Heilsexklusive Ansprüche dominieren dagegen noch z.B. die Lehren der Zeugen Jehovas, der Neuapostolischen Kirche und vieler evangelikaler und pietistischer Strömungen, sie sind aber auch in oft extremen Ausprägungen anderer Religionen (z.B. Islamismus, Hindutva etc.) zu finden.

Welchen Unterschied machen die Haltungen zur Heilsfrage?

Heilsexklusive Lehren, die das Heil also nur für die eigenen Anhänger vorsehen, entfalten eine starke missionarische Kraft, da sie die Glaubenden dazu animieren, viele andere (z.B. auch Verwandte, Freunde etc.) bekehren und also "retten" zu wollen. Andererseits führen sie oft zu Intoleranz, Dialogunfähigkeit und häufig auch Gewaltbereitschaft, da entlang heilsexklusiver Logik andere Religionen oder auch interne Unterschiede als (potentiell teuflische) Hindernisse zum Heil aufgefasst werden (müssen). Heilsexklusive Gemeinschaften tendieren daher zu einem Nacheinander aus missionarischer Blüte, innerem Zwist, Spaltungen und schließlich heilsinklusiver Mäßigung und/oder Zerfall.

Heilsrelative Lehren, die davon ausgehen, dass "alle Religionen gleich gut" sind, führen zum Verlust religiöser Verbindlichkeit und meist dem Zerfall der sie vertretenden Gemeinschaften (alles gleich gültig = alles gleichgültig). Sie sind daher meist in weitgehend säkularisierten Kreisen und teilweise bei religiösen Neugründungen anzutreffen, entfalten aber für gewöhnlich keine dauerhaft gemeinschaftserhaltende Bindungskraft.

Heilsinklusive Lehren ermöglichen einen Mittelweg, können aber ihrerseits durchaus auch intolerant wirken, wenn den je anderen keine abgrenzende Identität zugestanden wird - ein heftiger Streitpunkt z.B. zwischen Hindus einerseits und Sikhs und Buddhisten andererseits, aber auch z.B. wenn sich Christen gegenüber Muslimen oder Juden gegenüber Christen dagegen verwahren, nur als "Vorstufe" verstanden zu werden. In Kontexten von Bildung und Dialog setzen sich meist heilsinklusive Lehren durch, die an einem Vorrang der je eigenen Glaubensidentität festhalten, ohne Gutes und Wahres und damit Heilsmöglichkeiten in anderen Religionen ablehnen zu müssen. Mitunter wird dies mit einem potentiell produktiven Wettbewerbsgedanken verknüpft, wie in Koran 5:48: Darum wetteifert miteinander in guten Werken. oder in der Ringparabel von Lessing oder auch dem Gleichnis Jesu vom Samaritaner oder seinem Lob des Hauptmanns von Kapernaum.

Ein friedvolles Miteinander von Religionen ist damit, zumal unter demokratisch-freiheitlichen Vorzeichen, durchaus möglich und widerspricht keinesfalls dem "Wesen" von Religion.

Woher kommt der Irrtum?

In seiner Formierungsphase entfaltete sich das Christentum stark missionarisch und war von Erwartungen nahenden Weltendes geprägt. Daher setzten sich hier mit Auswirkungen bis heute heilsexklusive Lehren durch, was einerseits die Ausbreitung beflügelte, aber auch oft grausame Intoleranz sowohl gegen Andersglaubende wie auch gegen Christen anderer Gemeinschaften hervorrief (und hervorruft).

Obwohl die theologisch entwickelten Lehren der großen Kirchen längst differenzierter geworden sind, bleiben fundamentalistisch-heilsexklusive Gemeinschaften sichtbarer und missionarisch aktiver und werden in der Wahrnehmung mit extremistischen Strömungen anderer Religionen (z.B. extremistischen Muslimen) kontrastiert. In großen Teilen der westlichen und religiös oft wenig versierten Öffentlichkeit hält sich daher der Irrtum, "Religion sei halt so" oder müsse sogar so sein.

Dr. Blume

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