Donnerstag, 15. Mai 2008

Religiosität & Altruismus - Ein Vergleich der Spendenbereitschaft religiöser und nichtreligiöser Deutscher

"Aus der Kirche bin ich ausgetreten, das Geld kann ich auch so spenden!" - Solche und ähnliche Sätze hört man in Deutschland immer wieder. Und tatsächlich würde kein Soziobiologe bestreiten, dass wechselseitig hilfsbereites Verhalten (bei Vormensch und Tier) auch vor bzw. unabhängig von Religiosität evolviert ist. Erinnern darf ich bei dieser Gelegenheit auch an die theologisch-biologische Dissertation von Hubert Meisinger, der Altruismustheorien und das biblische Liebesgebot verglichen hat.

Gibt es aber auch harte, empirische Daten, die einen Zusammenhang von religiösem und altruistischem (also bewusst prosozialem) Verhalten belegen? Ja, diese gibt es inzwischen auch.

Religiöse spendenbereiter

Eckhard Priller und Jana Sommerfeld vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) haben auf Basis von Daten des Familiensurvey 2004 eine sozialstrukturelle Analyse von (Geld-)Spendern in Deutschland erstellt: "Wer spendet?" (als pdf-Download hier)

Religiosität erweist sich dabei als erstaunlich starker Faktor für Spendenbereitschaft:

Die Spendenbereitschaft religiöser Menschen ist in Deutschland deutlich ausgeprägter als jene wenig religiöser oder konfessionsloser Menschen. In den neuen Ländern, in denen die Religiösen eine Minderheit bilden, sind die Unterschiede sogar besonders stark.

Auffällig ist auch, dass religiöse Deutsche in Ost- wie Westdeutschland nahezu gleich hohe Spendenbereitschaften aufweisen, dass aber die Konfessionslosen in Ostdeutschland, wo religiöse Menschen eine Minderheit bilden und religiöse Traditionen staatlich bekämpft wurden, am seltensten spenden.

Diese Befunde sind auch deswegen erstaunlich, weil in Deutschland von Kirchenmitgliedern eigene Kirchensteuern erhoben werden, die Konfessionslose nicht betreffen.

Die empirischen Daten weisen immer deutlich darauf hin: Religiöse Menschen sind durchschnittlich freigiebiger - und dabei auch glücklicher...

Übrigens hat bereits Charles Darwin...

...einen entsprechenden Zusammenhang der Evolution von Altruismus ("Moralität") und Religion vermutet, der sich nun auch empirisch erhärtet. Dazu möchte ich in naher Zukunft einen Beitrag in den Wissenslogs erstellen.

Frankfurt: Evolution der Religionen (Workshop)

Unter anderem mit Prof. Pascal Boyer (St. Louis, USA) und Prof. Niels Gregersen (Kopenhagen, Dänemark)

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Phänomen Religion hat in den letzten Jahren einen kaum erwarteten Boom erlebt. Religionssoziologische, evolutionsbiologische, religionsspsychologische und religionsphilosophische Ansätze, Wesen, Rolle und Funktion von Religion wissenschaftlich zu erklären, werden intensiv und kontrovers diskutiert.

Im Rahmen der Templeton Research Lectures findet am Donnerstag den 15. Mai von 10 – 13 Uhr ein workshop mit dem international renommierten Evolutionsbiologen und Ethnologen Prof. Pascal Boyer und dem dänischen Theologen Prof. Niels Gregersen statt. Boyer wird die Entstehung von Religion aus evolutionsbiologischer Sicht beleuchten, Gregersen wird sich in seinem Vortrag damit kritisch auseinandersetzen Dem schließt sich eine allgemeine Diskussion mit den übrigen Workshopteilnehmern an. Der Workshop ist in englischer und deutscher Sprache.

Zu den deutschen Diskutanten gehören u.a.

Prof. Dr. Jürgen Bereiter-Hahn (Biologie, Vizepräsident Uni Frankfurt)
Prof. Dr. Hans-Ferdinand Angel (Religionspädagogik, Uni Graz)
Prof. Dr. Dr. Ina Wunn (Religionswissenschaftlerin, Biologin, Paläontologin, Uni Bielefeld)
Prof. .Dr. Markus Witte (Alttestamentler, Uni Frankfurt)
Prof. Dr. Paul Gottlob Layer (Biologie, TU Darmstadt)
PD Dr. Nicole Karafyllis (Biologie, Philosophie, Uni Frankfurt)
Dr. Michael Blume (Religionswissenschaftler, Uni Heidelberg)
Ina Mahlstedt (Religionswissenschaftlerin, Bremen)

Nach dem Workshop (13.00 – 14.30 Uhr) wird es eine Aussprache über die eventuelle Umsetzung dieser Forschungen für den Religionsunterricht geben (in deutsch).

Der Workshop schließt abends nach der öffentlichen Podiumsdiskussion (18.00 – 19.00 Uhr) der beiden Kontrahenten zum Thema: „Is religious behavior explained by Darwinian evolution“.

Veranstalter: Universität Frankfurt, Mitveranstalter: Religionspädagogisches Amt Giessen

Leitung: Prof. Dr. Elisabeth Gräb-Schmidt, PD Dr. Wolfgang Achtner

Ort: Johann Wolfgang Goethe Universität, Alter Senatssaal, Mertonstraße 17 (workshop), Alte Aula, Mertonstraße 17 (Podiumsdiskussion)

Zeit: Donnerstag 15 Mai, 10-15 Uhr (Workshop), 18-19 Uhr (Podiumsdiskussion)

Mehr dazu hier.

Mittwoch, 14. Mai 2008

Neue Kategorie: Zehras Buchtips

Dass bisweilen männliche Perspektiven immer noch recht einseitig wissenschaftliche Arbeiten und deren Vermittlung in die Öffentlichkeit dominieren, wird wohl bei keinem Thema so deutlich wie bei Fragen von Demografie und Familienbildern, einem Schwerpunkt dieses Blogs. Auch die Religionswissenschaft beginnt erst langsam zu entdecken, welche bedeutende Rolle Frauen in der Evolution von Religiosität und Religionen gespielt haben - und spielen.

Die neuen Thesen zu Religion & sexueller Selektion in kreativer und humorvoller Form - das Gretchenfrage-Comic von Chris Baumann und Kathrin Thumerer, Universität Heidelberg!

Persönlich...

...bin ich immer wieder am Staunen, wenn ich mit meiner Frau Zehra über die Literatur spreche bzw. Passagen zu lesen bekomme, die sie und ihre Freundinnen bevorzugen. Natürlich spielt in diesen Romanen auch leichte Unterhaltung eine Rolle - aber ist das bei den von mir so geschätzten Science-Fiction- und Wissenschaftsthrillern eigentlich anders? Nur werden darüber hinaus in Zehraus Büchern auch häufiger Themen aus lebensnahen Perspektiven reflektiert, über die auch die Wissenschaft (zumal, wenn sie biologisch arbeitet) eigentlich nicht hinweggehen sollte: Schwierigkeiten und Chancen der Partnerwahl, Freude und Probleme mit Kindern, Rivalitäten zwischen Lebensmodellen (wie Heimchen am Herd versus Rabenmutter...), das Ringen um Selbstbestimmung und verläßliche Bindung, Glaubensfragen, Tod und Verlust von geliebten Menschen.

Seit Wochen habe ich Zehra daher gebeten, in einer eigenen Blogkategorie in lockerer Folge Bücher vorzustellen und zu empfehlen. Obwohl und weil ich glücklich Mann bin, finde ich es wichtig, diesem Literaturzweig endlich die Anerkennung zukommen zu lassen, die echtes Leben eigentlich verdient. Und - Zehra hat zugesagt! Hiermit heiße ich also die Kategorie ihrer Buchtips auf dem Blog herzlich willkommen! :-)

Dienstag, 13. Mai 2008

Diyanet (Türkei) will mehr Imame, um staatsunabhängige Religionsgemeinschaften einzudämmen

Auch in der Türkei ist die Diskussion um das Verhältnis von Kirche und Staat längst entbrannt. Während Frankreichs Präsident Sarkozy das französische Modell zu einer "positiven Laizität" weiterentwickeln möchte, mehren sich auch in der Türkei die Debatten um Strukturen des Diyanet, das dem Präsidenten unterstellte Amt für Religionsangelegenheiten.

Immer mehr Menschen erkennen den türkisch-kemalistischen "Laizismus" als kaum mehr getarntes, staatskirchliches System, in dem die (Haupt-)Religion staatlich kontrolliert, finanziert und (etwa zur Unterdrückung religiöser, kultureller und ethnischer Vielfalt) bisweilen auch instrumentalisiert wird. So werden Diyanet-Imame aus Steuergeldern als Beamte bezahlt, auch Nichtmuslime müssen islamisch-sunnitischen Religionsunterricht besuchen und der Neubau und freiheitliche Betrieb nichtstaatlicher Gebetshäuser (Kirchen, Synagogen, aber auch Moscheen) ist schwer bis unmöglich.

Dem Westen gegenüber wird dieses Konzept, nicht ohne Erfolg, mit der Bekämpfung von Islamismus und "Sekten" begründet und es wird darauf hingewiesen, dass etwa die längst auch weltweit beachtete, türkische Reformtheologie mit auch starken, weiblichen Stimmen kaum ohne staatliche Patronage erblüht wäre. Und gerade auch in Deutschland hat sich die mit Diyanet verbundene Türkisch-Islamische Union (DITIB) zuletzt dem Dialog sowohl mit Staat und Kirchen wie auch mit anderen, islamischen Verbänden gegenüber geöffnet.

Im sehr zu empfehlenden Islamedia-Newsletter erschien dazu dieser Tage folgende Meldung:

Hürriyet, Mittwoch, 07.05.08 - Diyanet: Mehr Imame

Hürriyet meldet, dass Sait Yazicioglu, Minister und Verantwortlicher für das Amt für religiöse Angelegenheiten in der Türkei (Diyanet) angekündigt habe, mehr Personal einzustellen. Um religiösen Orden entgegenzuwirken und deren Zusammenschlüsse einzudämmen, habe er des Öfteren für die Einstellung von mehr Imamen geworben. Yazicioglu zufolge sei geplant 10.000 neue Imame einzustellen. Eine dementsprechende Gesetzesvorlage sei bereits vorbereitet und soll bis Ende des Jahres verabschiedet sein.

Bern: Was machsch nachhär? - Religionswissenschaft als Beruf

Lustige Themenstellung, freue mich schon drauf!

13. Mail, 18.15 Uhr
Uni Tobler F -113

Weitere Infos dann hier:
http://www.fsrelwi.unibe.ch/agenda/termin_kalender/index_ger.html?record_id=e17498

Montag, 12. Mai 2008

Erinnerungen an ein großes Land & Anteil der Religiösen in China deutlich höher als erwartet

Eine Delegationsreise mit der Jungen Union nach China zum Jahreswechsel 2001 - 2002 ist mir auch nach vielen Jahren unvergeßlich geblieben. Interessant waren neben den touristischen Aspekten auch die politischen Gespräche - so reagierten unsere chinesischen Gesprächspartner schon damals auf Fragen nach Religionsfreiheit sehr stark -landesweite Verfolgungen der Falun Gong-Bewegung waren gerade erfolgt. Sie wollten umgekehrt von uns, offensichtlich, weil wir als Christdemokraten da waren, mehr zur Vereinbarkeit von Religiosität und politischem Engagement bzw. Parteimitgliedschaft wissen - denn der kommunistischen Partei Chinas machte die abnehmende Mitgliederzahl junger Leute bei deren gleichzeitigem Zustrom in Religionsgemeinschaften Sorge.

Zehra und ich an dem Altar im "Verbotenen Palast" zu Peking, der früher den Opfern der chinesischen Kaiser vorbehalten war und den Mittelpunkt des Himmelsgewölbes markierte. Wir brachten es nicht übers Herz, uns wie andere Touristen auf den Stein zu stellen, sondern reichten uns darüber die Hände.

Chinesische Religiosität bislang unterschätzt

Die Unterdrückung auch des tibetischen Buddhismus hat der Welt in diesen Monaten vor Augen geführt, dass auch im nominell "atheistischen" China Religionen wie der Buddhismus, Taoismus, Islam, Varianten des Konfuzianismus und das Christentum bestehen, erblühen und die kommunistische Partei unsicher über den richtigen Umgang ist. Meist versucht die nominell atheistische Führung, einerseits staatlich gelenkte, "harmonische", national orientierte Gemeinschaften zu etablieren, andererseits freie Religionsgemeinschaften unter verschiedensten Vorwürfen zu unterdrücken. Allerdings bestehen auch in Fragen der Religionspolitik starke, regionale Unterschiede, so dass sich gerade auch Gespräche und Informationen unterhalb der nationalen Ebene lohnen.

In einer im letzten Jahr veröffentlichten Studienbefragung unter 4.500 Chinesen befanden die Professoren Tong Shijun and Liu Zhongyu von der East China Normal University (Shanghai), dass sich 31.4 Prozent der chinesischen Bevölkerung über 16 Jahren (wieder) als religiös verstanden - mehr als drei mal soviel, wie bis dahin offiziell eingeräumt worden war. Auch waren religiöse Schwerpunkte keinesfalls nur in ländlichen Gebieten zu verzeichnen, sondern gerade unter den aufstrebenden Handels- und Industriestandorten der Küstenregionen. Die Anzahl der Christen musste sogar von bislang offiziell 10 Millionen auf jetzt ca. 40 Millionen vervierfacht werden.

Vor allem unter jungen Leuten gebe es ein steigendes Interesse an religiöser Vergemeinschaftung - ein deutlicher Unterschied gegenüber früheren Annahmen, die die Gläubigen vor allem in der älteren Generation vermutet hatten. So stellte sich heraus, dass 62 Prozent der Gläubigen 16-39 Jahre alt waren, nur 9.6 Prozent dagegen 55 Jahre und älter. Auch in China ist (wie auch deutsche Befunde z.B. des Bertelsmann Religionsmonitors 2008 anzeigen) die Rückkehr der Religionen vor allem ein Phänomen junger Generationen.

Hinzu kamen in China viele Menschen der mittleren Generation, die noch als Atheisten erzogen worden waren, sich aber zwischenzeitlich einer Religionsgemeinschaft angeschlossen hatten. Und 72 Prozent der zu einer Religion konvertierten Chinesen gaben an, jetzt glücklicher als vor ihrer Glaubensentscheidung zu leben. Auch das entspricht neueren Befunden der Glücksforschung auch in Deutschland.

Ob Religion(en) auch angesichts der Ein-Kind-Politik in China ihr demografisches Potential entfalten können ist unklar - vor dem Hintergrund internationaler Erfahrungen kann aber angenommen werden, dass beispielsweise in islamischen oder christlichen Familien weniger Abtreibungen von Mädchen erfolgen.

Ob der kommunistischen Partei ein Arrangement mit den aufstrebenden Religionen gelingt oder ob ihr Regime, wie zuvor in Polen, Ostdeutschland, Birma usw., gerade auch unter religiös-freiheitlichen Vorzeichen herausgefordert werden wird, dürfte zu den spannenden und bedeutsamsten Themen des 21. Jahrhunderts zu zählen sein...

Freitag, 9. Mai 2008

Religiöse Menschen sind glücklicher

Diesen Befund präsentierte der (rationalistisch-religionskritische, dabei aber wissenschaftlich offene und dialogfähige) Philosoph Edgar Dahl in einem aktuellen Übersichtsartikel zur empirischen Glücksforschung in Spektrum der Wissenschaft.

Den Link zum Artikel und einer weiteren, aktuellen Studie zum Zusammenhang von Religion(en) und subjektivem Glück sowie eine Diskussion der Ergebnisse aus religionswissenschaftlicher Sicht findet sich unter dem Beitrag "Glück, Glauben und Gemeinschaft"...

... per Klick hier:
Im Wissenslog "Natur des Glaubens" im Rahmen der Science-Blogs von Spektrum der Wissenschaft möchte ich vor allem Arbeiten weiterer Evolution-Religion-Forscher vorstellen.

Donnerstag, 8. Mai 2008

8. Mai 2008: In Deutschland wird der 60. Unabhängigkeitstag Israels begangen

Heute, am 8. Mai 2008, finden in vielen deutschen Städten Feiern zum 60. Jahrestag der israelischen Staatsgründung statt. Eine Übersicht der Feiern hier:

Der bundesweite Veranstaltungskalender von ILI (einer pro-israelischen Initiative) hier

Verschiedentlich bin ich in den letzten Tagen gefragt worden, warum denn dieses Jahr vielerorts schon am 8. Mai (übrigens auch der 63. Jahrestag der Kapitulation Deutschlands 1945) gefeiert würde und nicht am 14. Mai - der Staat sei doch am 14. Mai 1948 ausgerufen worden.

Der Hintergrund: Nach jüdischer Zeitrechnung wird der Unabhängigkeitstag als Jom Haazmaut am 5. Ijar begangen. Am 5. Ijar 5708 (gregorianisch: 14.5.1948) hatte David Ben-Gurion die israelische Unabhängigkeitserklärung verlesen. Und der 5. Ijar entspricht in 2008 dem 8. Mai.

Palästinenser erinnern an "An-Nakba"

In der palästinensischen Erinnerung wird der Unabhängigkeitstag als Tag der Katastrophe, des Unglücks (an-Nakba) bezeichnet und nach gregorianischer Zeitrechnung am 15. Mai begangen. Einige Veranstalter sind dazu übergegangen, an-Nakba entsprechend dem jüdischen Kalender zu begehen - um angesichts der israelischen Feiern an ihre Perspektive zu erinnern.

Und sollten Sie...

...nach Orten und Initiativen suchen, die sich für Dialog und Frieden zwischen Juden, Christen und Muslimen engagieren, so darf ich Ihnen beispielsweise den Verein Haus Abraham e.V. im Kloster Denkendorf empfehlen.

Mittwoch, 7. Mai 2008

Jetzt online: Glauben und Demografie - Der übersehene Wettbewerb der Religionen

Religion(en), Evolution(en) und praktische Politikberatung - die Gelegenheit ergibt sich nicht oft, das einmal zusammen packen zu dürfen. Als "Die politische Meinung" der Konrad-Adenauer-Stiftung daher um einen Beitrag zu Chancen und Herausforderungen der Religionsfreiheit bat, zögerte ich nicht lange - zumal das Magazin nach einem Monat die Artikel auch Web 2.0-freundlich online stellt!

Wenn Sie also Interesse haben, ein Klick genügt:
Worin bestehen Chancen und Risiken der Religionsfreiheit? Ein Beitrag aus religionsdemografischer und -biologischer Sicht in "Die Politische Meinung" April 2008 der Konrad-Adenauer-Stiftung. Klick zum pdf.

Zumal es ja ein Debattenartikel ist - über Kommentare würde ich mich sehr freuen! Was passt, was fehlt oder hätte besser sein können?

Danke für Ihre / Eure Gedanken!

Dienstag, 6. Mai 2008

Bedeutungszuwachs von Religion durch Migration - Beispiel chinesischer Zuwanderer in die USA

Als Faustregel kann gelten: Menschliche Migrationsbewegungen lösen erhöhte, religiöse Aktivität bei den Betroffenen und ihrer Umgebung aus. Dies gilt schon bei inländischen Wanderungen etwa vom Land in die Städte. Und in noch größerem Ausmaß beim Wechsel zwischen Nationen. Die großen Einwanderernationen werden also auch religiös angereichert und gewinnen an religiöser Vielfalt und Intensität.

Millionen Migranten (also Einwohner, die außerhalb des jeweiligen Landes geboren wurden) in den bedeutendsten Einwanderungsländern 1970 und 2000. Die beiden größten Einwanderungsnationen USA und Indien sind zugleich von enormer, religiöser Vielfalt und Aktivität. Grafik vom brainworker.ch

Suche nach Gemeinschaft und Identität

Die Gründe für den Bedeutungszuwachs sind nicht schwer zu finden: Migranten verlassen die gewachsenen Familien- und Freundenetzwerke ihrer Heimat und begeben sich in eine fremde Umgebung. Damit entsteht unmittelbar ein doppelter Bedarf: Einmal an vertrauenswürdigen Beziehungen und zum zweiten an auch emotional ansprechender Orientierung. Entsprechend bilden die Vorstädte, in denen in- und ausländische Zuwanderer aufeinander treffen, den idealen Boden für religiöse Gemeinschaften aller Art, nicht selten auch in fundamentalistischen Varianten.

Titelzeilte "Religiöse Identität und Fundamentalismus", aus Heft 53 von Deutschland und Europa, S. 20 - 27. Per Klick zum Download.

Aus evolutionsbiologischer Perspektive unterstreicht dies die adaptive (Anpassung fördernde) Wirkung religiöser Veranlagungen: der entwurzelte Mensch versucht in der neuen Situation Halt zu finden, sich seine Familie und Gemeinschaft reproduktiv erfolgreich zu stabilisieren.

Beispiel: Chinesische Zuwanderer in Kalifornien (USA)

Eine beeindruckende Fallstudie zum Zusammenhang von Religion(en) und Migration erstellte der chinesischstämmige (Religions-)Soziologe Ping Ren von der Universität Irvine (CA, USA). Im Marburg Journal of Religion 1/2007 veröffentlichte er seinen lesenswerten Bericht "Church or Sect? Exploring a Church of New Chinese Immigrants in Southern California" (pdf-Download hier).

Dieser Fall ist besonders interessant, da die Zuwanderer überwiegend aus dem atheistisch regierten China stammen und gleichzeitig in den USA einen entwickelten religiösen Markt antreffen.

Die Ergebnisse sind prägnant: Einerseits findet ein erheblicher Teil auch der atheistisch erzogenen Chinesen in den USA zu einer Glaubensgemeinschaft, andererseits bilden sich sogar spezialisierte, hier christliche Gemeinden, die die spezifischen Bedürfnisse der chinesischstämmigen Zielgruppen ansprechen. Dazu gehören Haus- und Gemeindekreise nach Herkunftsregionen, Alter, Lebensstand (z.B. unverheiratet, Familien), Bildungsstand, ja gar Arbeitsumfeld (z.B. eine eigene Fellowship für Nachtschichter).

Die Mitglieder finden so eine soziale Anschlussstelle und einander, die rigiden Lehren stabilisieren die Identitäten und Familienverhältnisse, gleichzeitig werden in einer Mischung aus Abgrenzung (z.B. chinesische Sprache) und Integration (z.B. christlicher Glauben, Kontakt mit anderen Gemeinden) Ressourcen zur Bewältigung des Übergangs aktiviert. Gerade auch weil es an tradierter Religiosität fehlt, fallen die religiösen Konversionen sogar anfangs besonders rigide, teilweise fundamentalistisch aus - oft erst nach Jahrzehnten oder in den Folgegenerationen kann eine liberalisierende Öffnung der nicht mehr bedrohten Identität erfolgen.

Eine globalisierte Welt mit massiven Migrationsströmen wird daher auch aus diesen Gründen eine durchschnittlich religiösere Welt sein.

Dr. Blume

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